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Sehenswürdigkeiten im Harz

Sehenswürdigkeiten, Sagen & Kultur – die Stopps, die eine Tour erst rund machen.

Kultur & Sagen

Woher die Hexe kommt — Sagen und Zeichen im Harz

Vorfrühling auf dem Weg zum Brocken: Bäume noch kahl, Schneereste auf den Kuppen, rote Schneestangen am Rand — …
Vorfrühling auf dem Weg zum Brocken: Bäume noch kahl, Schneereste auf den Kuppen, rote Schneestangen am Rand — der Harz fängt für die meisten in dieser Jahreszeit an.

Die Hexe auf dem Besen ist im Harz kein Souvenir-Einfall. Sie ist Hoheitszeichen: Das Stadtwappen von Thale zeigt sie in Rot über dem Stadttor, seit dem 11. Juli 1996. Sie ist Wegmarkierung: weiß auf grünem Grund, auf 97 Kilometern zwischen Osterode und Thale. Und in Wolfshagen zwischen Innerste- und Granetalsperre tritt zur Walpurgisnacht die „Wolfshäger Hexenbrut" an; 2016 kam ein Teil ihrer Mitglieder auf Motorrädern zur Festwiese statt auf dem Besen.

Wie sie in den Harz kam, wird an jeder Bratwurstbude anders erzählt. Eine Fassung geht so.

Die Sachsen, die Franken und die Männer auf Besen

Hexentanzplatz über Thale: Direkt vor den Restaurantterrassen fällt der Fels ins Bodetal ab. Ob hier je Sachsen als Hexen verkleidet Wachsoldaten verjagt haben, ist nicht belegt.
Hexentanzplatz über Thale: Direkt vor den Restaurantterrassen fällt der Fels ins Bodetal ab. Ob hier je Sachsen als Hexen verkleidet Wachsoldaten verjagt haben, ist nicht belegt.

Der Hexentanzplatz ist ein Plateau auf 454 Metern, gegenüber der Rosstrappe, mit der Abbruchkante direkt vor den Restaurantterrassen. Der Überlieferung nach war der Platz ein altsächsischer Kultort. Gefeiert wurde in der Nacht zum 1. Mai, zu Ehren der Hagedisen — Wald- und Berggöttinnen, deren Namen außerhalb dieser einen Erzählung niemand kennt. Über den Platz ziehen sich Reste des Sachsenwalls, einer 150 Meter langen Trockenmauer aus Granitsteinen von einst zwei Metern Höhe. Errichtet wurde sie zwischen 750 und 450 v. Chr., also rund tausend Jahre vor den Sachsen; sie schirmte einen Teil des Plateaus ab und diente wahrscheinlich als Fliehburg. Ihre Reste sind bis heute zu sehen — mit einem altsächsischen Kultort hat der Wall nichts zu tun außer dem Namen.

Den Namen bekam der Ort erst später. Die zugewanderten christlichen Franken verboten die heidnischen Feste und stellten Soldaten ab, die den Platz bewachten. Die Sachsen verjagten die Wachen, indem sie sich als Hexen verkleideten und auf Besen anritten. Wenn das stimmt, sind Besen und Hexenmaske ursprünglich eine Verkleidung im Widerstand gewesen und kein Schreckbild.

Sind Besen und Hexenmaske ursprünglich eine Verkleidung im Widerstand gewesen — und kein Schreckbild?

Zwei Quellen überliefern es so, beide mit dem Zusatz „angeblich“. Belegt ist es nicht.

Wenn. Beweisen kann das keiner. Die Geschichte wird überall mit einem „angeblich" davor erzählt, und aus dem Boden ist dort nie etwas gekommen, was einen vorchristlichen Kultplatz belegen würde. Der Harzer Tourismusverband schreibt trotzdem, die Ureinwohner des Harzes hätten „bereits vor 1.000 Jahren" ein Frühlingsfest mit Opfergaben an Wodan gefeiert — ohne Fundort, ohne Datum, ohne Autor. Schriftliches gibt es dazu nicht: nicht zum Fest, nicht zu den Opfergaben, nicht zu den tausend Jahren.

Hexentanzplatz — ein Wort aus dem Verhörprotokoll

Die Vertiefung im Granit an der Rosstrappe, randvoll mit Münzen. Der Sage nach ist es der Hufabdruck von Brunhildes Pferd, das über die Schlucht sprang
Die Vertiefung im Granit an der Rosstrappe, randvoll mit Münzen. Der Sage nach ist es der Hufabdruck von Brunhildes Pferd, das über die Schlucht sprang

Für den Ortsnamen gibt es eine zweite Erklärung, und die ist unangenehmer. „Hexentanzplatz" ist kein Brauchtumswort, es ist ein Wort aus Prozessakten. Während der Hexenverfolgungen verlangten die Richter von den Angeklagten die „genaue Aufzählung der besuchten Teufelstanzplätze" und die Namen weiterer Teilnehmer. Aus diesen unter Folter erzwungenen Aussagen stammen die Ortsnennungen — quer durch Europa, vom Kesslertanz in Hessen über die Hexmatt bei Basel bis eben zum Platz über Thale. Der Höhepunkt der Verfolgung lag zwischen 1550 und 1650; auf dem Boden des Heiligen Römischen Reiches wurden nach heutigem Forschungsstand rund 25.000 Menschen hingerichtet.

Auch der Brocken taucht in dieser Aufzählung auf. Der Wernigeröder Archivar Eduard Jacobs hat 1879 in „Der Brocken in Geschichte und Sage" die ältesten Belege zusammengetragen. Der früheste ist eine um 1456 in Erfurt angefertigte Abschrift einer zu Ekkehards Weltchronik gehörenden Schrift über die Herkunft der Sachsen: Wer immer sie abschrieb, fügte den Zusatz ein, alte Frauen wähnten, durch Teufelstäuschung verführt, sie ritten auf Bänken oder Besen auf den „montes Brockensberg" und hielten dort Beratschlagungen. Jacobs nennt weiter ein 1485 gedrucktes Lübecker Gebetbuch mit dem „Blokkesberghe", eine Predigtstelle Geilers von Kaysersberg von 1508 und die Urgicht Prignitzer Hexen von 1565. Die Jahreszahl 1540, die heute in vielen Nachschlagewerken als Erstnennung steht, kommt bei ihm nirgends vor. Jacobs war kein Heimatschriftsteller, sondern 51 Jahre lang Archivar der Grafen zu Stolberg-Wernigerode, denen der Brocken gehörte.

Der Satz „hier trafen sich früher die Hexen" ist damit in beiden Lesarten falsch. Entweder haben sich Sachsen als Hexen verkleidet, oder der Name stammt aus Verhören. Und das Bild, das heute auf jedem Aufkleber klebt, passt nicht einmal zu den Opfern: Die Sage beschreibt hässliche, warzenübersäte alte Frauen auf dem Besen — vor den Gerichten standen Menschen, die unter Folter aufzählten, wo sie angeblich getanzt hatten.

Praetorius, Goethe und ein Buchhändler aus Bad Harzburg

Goethe, in Bronze und im Granit. Zwischen seinem gedruckten Faust und dem ersten gefeierten Walpurgisfest auf dem Brocken liegen 88 Jahre — das Fest folgt der Literatur, nicht umgekehrt.
Goethe, in Bronze und im Granit. Zwischen seinem gedruckten Faust und dem ersten gefeierten Walpurgisfest auf dem Brocken liegen 88 Jahre — das Fest folgt der Literatur, nicht umgekehrt.

Was den Blocksberg berühmt gemacht hat, war gedruckt. 1668 erschien Johannes Praetorius' „Blockes-Berges Verrichtung" bei Scheibe in Leipzig und bei Arnst in Frankfurt am Main, ein geographischer Bericht über den Berg samt Dokumentation des Hexensabbats, den es dort am 1. Mai gegeben haben soll. Praetorius hat nichts erfunden, er hat abgeschrieben — „aus vielen Autoribus", wie er selbst zugibt.

Goethe stand am 10. Dezember 1777 zum ersten Mal auf dem Gipfel und kam 1784 zur geologischen Harzreise wieder; im selben Jahr sah er das Bodetal und die Teufelsmauer. Die Walpurgisnachtszene im „Faust" war 1806 fertig, 1808 erschien der erste Teil. Die Szenenangabe steht im Erstdruck dreizeilig: „Walpurgisnacht. / Harzgebirg. / Gegend von Schirke und Elend." — heutige Ausgaben schreiben „Schierke". Beide Orte gibt es: Elend liegt an der B 27 zwischen Braunlage und Blankenburg, Schierke ist über Landes- und Kreisstraßen angebunden; die B 242 berührt keinen von beiden, sie führt von Braunlage aus südöstlich über Sorge und Tanne weiter. Beim Tanken in Schierke steht man in einer Kulisse, die vor über zweihundert Jahren in einen der meistgelesenen deutschen Texte geschrieben wurde. Auf dem Brocken ist die Zeile „Die Hexen zu dem Brocken ziehn, / Die Stoppel ist gelb, die Saat ist grün" bis heute in ein Gipfelgebäude eingemeißelt.

Das Fest kam viel später. Die erste organisierte Walpurgisfeier auf dem Brocken war 1896, veranstaltet von Rudolf Stolle, Verlagsbuchhändler aus Bad Harzburg und Mitglied im Harzklub. Sie bestand aus einer Feier im Brockenhotel und einem Umzug zur Teufelskanzel um Mitternacht, und sie war Männern vorbehalten. Ab 1901 fuhren Sonderzüge auf den Berg, 1902 kamen rund 150 Gäste. 1905 war Schluss: Fürst Christian-Ernst zu Stolberg-Wernigerode, dem der Brocken gehörte, mochte „diese satanischen Spektakel auf seinem Berg nicht". Zwischen dem gedruckten Stoff und dem gefeierten Fest liegen 228 Jahre. Das Fest folgt der Literatur, nicht umgekehrt.

In dasselbe Jahrzehnt fällt der Ausbau des Hexentanzplatzes. 1901 wurde die Walpurgishalle eingeweiht, angeregt vom Maler Hermann Hendrich, gebaut von Bernhard Sehring „nach Art eines altgermanischen Blockhauses". Die fünf großen Gemälde darin zeigen nicht etwa Harzer Überlieferung, sondern Szenen aus Goethes „Faust": Irrlichtertanz, Mammonshöhle, Hexentanz, Windsbraut, Gretchenerscheinung. 1928 kamen weitere dazu. Heute ist die Halle Museum und in der Sommersaison geöffnet.

Zwei Jahre nach der Halle, am 8. Juli 1903, gründete Ernst Wachler nebenan das Bergtheater. Das gehört dazu, auch wenn es unangenehm ist: Wachler war ein antisemitischer Autor mit Verbindungen zu germanisch-gläubigen Gemeinschaften, das Haus trug Runenzeichen und diente völkischen Organisationen als Versammlungsort. Von 1940 bis 1946 war das Theater kriegsbedingt geschlossen, danach stand es in DDR-Trägerschaft; seit 1992 gehört es der Stadt Thale. Ab April 2022 wurde es für rund 13 Millionen Euro saniert und am 31. Mai 2025 wieder eröffnet, betrieben von der städtischen Bodetal Tourismus GmbH. Die Sitzplatzzahl stieg dabei von 1.350 auf 1.903 — sie entspricht jetzt dem Gründungsjahr.

Der uralte Kultplatz, als der der Hexentanzplatz gern verkauft wird, ist damit vor allem die Selbstdarstellung einer Bewegung von 1900. Die Bauten sind aus derselben Zeit wie die Stabkirche in Hahnenklee von 1907/08 — nordisch aussehende Architektur, gebaut für den Fremdenverkehr.

Dazu kommt, dass die Kette zweimal gerissen ist. Einmal 1905 durch das fürstliche Verbot. Und dann noch einmal zwischen 1961 und 1989, als der Brocken Sperrgebiet war und überhaupt niemand hinaufkam. Die heutige Brocken-Walpurgisnacht ist ein wieder aufgenommenes Fest, kein durchlaufendes.

Oben ist es voll und zugebaut — und die Kante ist trotzdem der Grund hinzufahren

Bronze auf dem Fels. Was heute oben steht, ist jünger als hundert Jahre — der Ort verkauft eine Geschichte, für die es keinen archäologischen Befund gibt.
Bronze auf dem Fels. Was heute oben steht, ist jünger als hundert Jahre — der Ort verkauft eine Geschichte, für die es keinen archäologischen Befund gibt.

Oben ist es voll und zugebaut: ein Tierpark mit rund 350 Tieren in 70 Arten (seit 1973), der Alpine-Coaster „Harzbob", die Bodetal-Seilbahn (1970 eröffnet, 2012 durch einen Neubau ersetzt), seit 2024 ein „Hexendorf" mit 17 Händlern, dazu Fressbuden und Parkgebühren. Das ist nicht jedermanns Sache — die Alternative sind die schmalen, verwinkelten Sträßchen des Ostharzes, und der Platz bleibt links liegen. Hochfahren lohnt wegen der Kante: Der Abbruch liegt direkt vor den Terrassen, und der Blick von dort ins Bodetal ist der Grund, warum überhaupt jemand hier oben steht.

Die Hexenbrut von Wolfshagen

Zwei Hexen, eine Mistgabel, dazwischen einer, der mit dem Motorrad gekommen ist. In Wolfshagen fliegt ein Teil der Hexenbrut seit Jahren auf dem Feuerstuhl zur Festwiese.
Zwei Hexen, eine Mistgabel, dazwischen einer, der mit dem Motorrad gekommen ist. In Wolfshagen fliegt ein Teil der Hexenbrut seit Jahren auf dem Feuerstuhl zur Festwiese.

Gefeiert wird am 30. April in über zwanzig Orten. Als Zentren gelten Bad Grund, Braunlage, Hahnenklee, Sankt Andreasberg, Schierke und Thale; dazu kommen Wolfshagen, Goslar, Altenau und Hohegeiß. In Altenau heißt die Veranstaltung „Altenauer Hexenkessel", in Bad Grund wird auf der kleinen Felsbühne am Fuß des Hübichensteins gespielt — 2024 stand dort „Luzifer und der verhexte Förstersohn" auf dem Programm.

Der Ort, an dem die Sache für Motorradfahrer konkret wird, ist Wolfshagen. Das Dorf liegt zwischen den Talsperren Innerste und Grane; von Langelsheim führt die K 35 — dort „Wolfshagener Straße", dann „Im Tölletal" — in rund vier Kilometern hin, mit einer Bergkuppe unterwegs, hinter der Forstbetrieb und Wanderer am Straßenrand stehen können. Dort hat sich die „Wolfshäger Hexenbrut" niedergelassen, überregional bekannt, Funk und Fernsehen kommen jedes Jahr. Als unsere Leute 2016 dort waren, flog ein Teil der Truppe nicht auf dem Besen zur Festwiese, sondern auf dem Feuerstuhl. Es ist die einzige Hexentradition im Harz, hinter der keine Marketingabteilung steht, sondern ein Dorf.

Wo die Hexe amtlich ist

Als Wetterfahne auf dem Giebel. Im Stadtwappen von Thale steht die Hexe erst seit dem 11. Juli 1996 — davor standen dort ein Torturm und ein Zahnrad.
Als Wetterfahne auf dem Giebel. Im Stadtwappen von Thale steht die Hexe erst seit dem 11. Juli 1996 — davor standen dort ein Torturm und ein Zahnrad.

Im Wappen von Thale sitzt sie erst seit 1996 — und die beiden Wappen davor sagen einiges über das 20. Jahrhundert. Am 19. Mai 1937 genehmigte das Preußische Staatsministerium einen blauen Torturm, entworfen vom Magdeburger Staatsarchivrat Otto Korn. 1953 bestätigte der Rat der Stadt ein neues: Turm, darüber ein Schild mit Hammer, Zahnradteil und Tanne, für das Eisenhüttenwerk und die Landschaft. Erst am 11. Juli 1996 genehmigte das Regierungspräsidium Magdeburg die Hexe, mit der Begründung, sie sei „das allgemein verständliche Symbol des Hexentanzplatzes". Sie ist also ein Wappenmotiv der Neunzigerjahre, nicht des Mittelalters.

Ein Datum hat auch das Hexenzeichen draußen im Gelände: Den Harzer-Hexen-Stieg haben Harzklub und Harzer Tourismusverband 2003 eingerichtet, 97 Kilometer Hauptroute von Osterode nach Thale über den Brocken, mit den Nebenrouten 152 Kilometer, seit 2007 zertifizierter Qualitätsweg, mit Stempelstellen der Harzer Wandernadel entlang der Strecke. Das Wegzeichen ist die Hexe auf dem Besen, weiß auf Grün.

An beiden Enden dieser Geschichte steht derselbe Verein. Der Harzklub wurde am 8. August 1886 in Seesen gegründet, Wahlspruch „Der Harz geht nicht ohne uns!", heute rund 11.000 Mitglieder in 76 Zweigvereinen. Zehn Jahre nach der Gründung organisierte ein Harzklub-Mitglied die erste Brocken-Walpurgisnacht, 117 Jahre nach der Gründung richtete derselbe Verein den Hexenstieg ein. Von ihm stammt außerdem die Markierung von rund 8.000 Kilometern Wanderweg: weiße Aluminiumschilder mit grüner Tanne und rotem Rand, an Bäumen und Pfosten quer durchs Gebirge.

Der Riese, der Teufel und der Zwerg

Zwanzig Kilometer lang, an drei Stellen sichtbar. Wer vor einer Lücke steht, hat zwei Erklärungen zur Auswahl — der Teufel warf sein Werk um, oder das weiche Gestein ist abgetragen worden.
Zwanzig Kilometer lang, an drei Stellen sichtbar. Wer vor einer Lücke steht, hat zwei Erklärungen zur Auswahl — der Teufel warf sein Werk um, oder das weiche Gestein ist abgetragen worden.

Im Bodetal liegen die Sagenorte auf wenigen Kilometern beieinander: Rosstrappe, Hexentanzplatz, Teufelsbrücke, Bodekessel, Jungfernbrücke und Kronensumpf — alle beschildert, alle mit Geschichte.

Die bekannteste ist die von der Rosstrappe, dem 403 Meter hohen Granitfelsen über dem Tal, und an ihr sieht man gut, wie so eine Geschichte im Lauf der Zeit umgebaut wird. Schriftlich fassbar wird sie um 1800. In der frühen Fassung verfolgt der Riese Bodo aus dem Böhmerwald die Königstochter Emma aus dem Riesengebirge; sie springt mit dem Pferd über die Schlucht, er stürzt ab und wird in einen schwarzen Hund verwandelt, der ihre verlorene Krone im Wasser bewachen muss. Danach heißt der Fluss Bode. In der späteren Fassung ist aus dem Riesen ein Ritter geworden und aus Emma die Brunhilde — der Nibelungen-Anklang ist also nachträglich dazugekommen. Der berühmte Hufabdruck im Fels ist eine Verwitterungsschale im Granit, wie sie in Mitteleuropa öfter vorkommt; nachgearbeitet wurde sie von Menschenhand. Hoch kommt man zu Fuß, über die Straße oder mit dem Sessellift, der seit 1980 fährt und 2005 durch einen Doppelsessellift ersetzt wurde: 668 Meter Länge, 244 Meter Höhenunterschied, gut sieben Minuten Fahrzeit. Ein Hotel steht dort oben seit Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die Teufelsmauer zieht sich über rund 20 Kilometer von Ballenstedt über Rieder und Weddersleben bis Blankenburg und tritt an drei Stellen zutage. Der Sage nach hatten Gott und der Teufel um die Herrschaft gestritten und sich auf eine Grenze geeinigt: Dem Teufel sollte alles Land gehören, das er in einer Nacht bis zum ersten Hahnenschrei ummauern konnte. Überliefert sind davon zwei Fassungen: In der einen trägt eine Marktfrau aus Cattenstedt bei Blankenburg einen Hahn im Korb, und als dem Teufel noch ein einziger Stein fehlt, kräht das Tier. In der anderen stolpert eine Bäuerin aus Timmenrode über einen Kiesel, der Hahn kräht, der Teufel hält die Nacht für vorüber und schleudert den Schlussstein gegen sein eigenes Werk — was praktischerweise die Lücken erklärt. Bei den Brüdern Grimm steht die Harzer Sage als Nummer 189 unter dem Titel „Des Teufels Tanzplatz"; dort baut der Teufel unter lautem Jubeltanz, fordert danach noch das Tal am Fuß des Felsens und türmt eine zweite Mauer auf — von einem zerstörten Werk ist bei Grimm keine Rede. Das Umwerfen steht bei ihm eine Nummer davor, und das ist eine bayerische Sage. Die Geologie erklärt die Lücken auch: harte, verkieselte Sandsteine der oberen Kreide, von der Hebung des Harzes steil gestellt, stehengeblieben, während das weichere Gestein daneben abgetragen wurde. Vor jeder Lücke stehen also zwei Erklärungen zur Auswahl. Am geschlossensten steht die Mauer bei Weddersleben mit Königstein und Mittelsteinen; zwischen Timmenrode und Blankenburg folgt der dritte Abschnitt mit dem „Hamburger Wappen" und dem Großvaterfelsen — dem bekanntesten Einzelfelsen der ganzen Kette. Bei Ballenstedt stehen die Gegensteine. Der Name steht übrigens im Gesetz: Geschützt ist die Formation seit dem 8. Juni 1852 durch die preußische Regierung, lange bevor es das Wort Naturschutz gab; 1935 kam die Ausweisung als Naturschutzgebiet „Teufelsmauer" dazu, seit 2011 heißt das Gebiet amtlich „Teufelsmauer und Bode nordöstlich Thale" und misst rund 198 Hektar. Seit den 1960er Jahren wird dort gedreht — erst DEFA-Filme wie „Fünf Patronenhülsen" und „Die Söhne der großen Bärin", später „Die Päpstin" und „Der Medicus", zuletzt 2016 „Frantz" und „Das singende, klingende Bäumchen".

Der Hübichenstein bei Bad Grund ist eine Kalknadel, deren Spitze auf 448 Metern liegt und die rund fünfzig Meter über die Umgebung aufragt — der Rest eines devonischen Korallenriffs, geologisch derselbe Stock wie der nahe Iberg. Hier herrschte der Zwergenkönig Hübich über Elfen und Gnomen, „ein alter Mann von kleiner Statur mit rauem Haar". Armen schenkte er silberne Tannenzapfen, wer aber sein Reich betrat, den verbannte er auf die Felsklippe. Erzählt wird auch, dass Soldaten im Dreißigjährigen Krieg die Spitze der Nadel abschossen und Hübich sich danach nie wieder blicken ließ; in Bad Grund gilt er trotzdem als inoffizieller Schutzpatron, es gibt eine König-Hübich-Route durchs Gelände. Oben auf dem Fels steht kein Zwerg. Dort gründete sich 1895 ein Bürgerausschuss, der Kaiser Wilhelm I. ein Denkmal auf den Fels setzen wollte; aus Spenden entstand ein zwei Meter hohes Bronzemedaillon des Kaisers. 1897 kam ein Bronzeadler mit drei Metern Flügelspannweite dazu, als Tag der Vollendung gilt der 18. August 1897, der Jahrestag der Schlacht bei Gravelotte. Nach dem Ende der Monarchie wurde das Denkmal zerstört — „allein der Adler ist erhalten". Der Fels steht unmittelbar südwestlich der B 242, der Harzhochstraße; von den Parkplätzen an der Straße führen Waldwege hin, hinauf dann eine steile Steintreppe.

Zwei kleinere, die im Harz jeder Tourguide auf Lager hat: Am Rammelsberg soll das Pferd des Ritters Ramm die Erzader freigescharrt haben, nach der der Berg heißt — was aus dieser Ader wurde, ist dann keine Sage mehr, sondern tausend Jahre Bergbau. Und im Kyffhäuser südlich des Harzes sitzt Barbarossa an einem runden steinernen Tisch, der Bart durch die Tischplatte gewachsen — nach anderen Fassungen um den Tisch herum. Marmor und Elfenbein, die zur geläufigen Fassung gehören, kamen erst 1817 dazu, als Friedrich Rückert die Sage in ein Gedicht brachte: „Der Stuhl ist elfenbeinern, darauf der Kaiser sitzt; der Tisch ist marmelsteinern, worauf sein Haupt er stützt." Alle hundert Jahre wacht er auf und schickt einen Knaben nachsehen, ob die Raben noch um den Berg fliegen. Fliegen sie, murmelt er, dass er weitere hundert Jahre warten müsse. Auf dem Berg steht nicht er, sondern das Kyffhäuserdenkmal — ein Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm I., 81 Meter hoch, 1890 bis 1896 nach Entwurf von Bruno Schmitz gebaut, der später auch das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig entwarf. Barbarossa sitzt dort zwar auch, aber als steinerne Figur unterhalb des Reiterstandbilds Wilhelms I.

Die schönste Sage steht in keinem Reiseführer, weil sie zu klein ist. Auf der Kuckholzklippe über Lerbach — dem Dorf, in dem diese Redaktion sitzt — hat Frau Holle ihr Bett. Abends um zehn schaut sie in die Fenster des Bergdorfs, und in den Häusern, in denen dann noch Licht brennt, geschehen schlimme Dinge. Sie hat glühende Augen, einen roten, feurigen Mund und trägt ein schneeweißes Gewand. So erzählt es unser Tourguide in Lerbach; aufgeschrieben findet man die Sage sonst nirgends. Es ist eine eigene, Lerbacher Fassung der Frau-Holle-Gestalt — nicht die bekannte vom Hohen Meißner.

Heinrich Pröhle, im Auftrag von Jacob Grimm

Heinrich Pröhle, 1822 bis 1895, Lehrer. Er ließ sich auf Wunsch seines Lehrers Jacob Grimm im Harz nieder, um „Sagen und Märchen der Bevölkerung" aufzuzeichnen, und sammelte von 1851 bis 1857 unter anderem in Zellerfeld, Lerbach und Wernigerode. 1855 promovierte er mit einer Arbeit über die Sagen des Brockens; seine „Harzsagen" erschienen 1853 und 1856, die „Harzbilder. Sitten und Gebräuche aus dem Harzgebirge" 1855.

Der Zeitpunkt ist kein Zufall und kein Vorwurf. Er fällt genau in die Jahre, in denen der Harztourismus anlief: Die Hubertusquelle in Thale wurde 1836 erschlossen, das Hotel auf der Rosstrappe steht seit Mitte des Jahrhunderts. Pröhle hat nichts erfunden. Aber aufgeschrieben und verkauft wurde der Harz in denselben Jahren, und die beiden lassen sich nicht mehr trennen.

Das Brockengespenst ist der eigene Schatten

Nebel im Tal, darüber klare Luft. Nur dann wirft der eigene Schatten das Gespenst auf die Nebelwand gegenüber.
Nebel im Tal, darüber klare Luft. Nur dann wirft der eigene Schatten das Gespenst auf die Nebelwand gegenüber.

Eine Erscheinung trägt den Namen des Bergs bis heute: das Brockengespenst. Der eigene Schatten fällt auf eine Nebelbank, wird nicht auf einer festen Fläche abgebildet, sondern von jedem Wassertropfen einzeln — und weil das Auge die Entfernung nicht messen kann, wirkt er riesig und scheint zu schweben. Oft liegt ein farbiger Lichtkranz darum, die Glorie. Zum ersten Mal beschrieben hat es Johann Esaias Silberschlag 1780 auf dem Brocken; der Name soll auf Goethe zurückgehen, der den Berg dreimal bestieg und dabei selbst erschrak. Kein Spuk, sondern Physik — und der Berg ist nur deshalb der Namensgeber, weil dort oben fast ständig der Nebel steht, der dafür gebraucht wird. Nebenbei: Der Effekt entsteht auch bei Nebel im Licht von Scheinwerfern. Man muss dafür nicht auf den Gipfel.

Der Likör aus der Apotheke und das Kreuz auf dem Auerberg

38 Meter Eisen, 125 Tonnen, rund 100.000 Nieten. Von der Plattform reicht der Blick bis zum Magdeburger Dom — darunter liegt ein Motorradtreff.
38 Meter Eisen, 125 Tonnen, rund 100.000 Nieten. Von der Plattform reicht der Blick bis zum Magdeburger Dom — darunter liegt ein Motorradtreff.

Es gibt ein Zeichen im Harz, das aus keiner Sage stammt und einem trotzdem an vielen Straßen begegnet: eine Schnapsmarke. „Im gesamten Gebiet des Harzes sieht man immer wieder Schilder oder Fahnen mit dem Aufdruck ‚Schierker Feuerstein'", hat einer unserer Reporter unterwegs notiert.

Drei Zeichen, die im Harz etwas bedeuten

Sie stehen weiter oben im Text an den Absätzen, in die sie gehören. Wappen fehlen hier: Kommunalwappen sind Hoheitszeichen, ihre Abbildung braucht die Genehmigung der Gemeinde.

Der Besen

Kein Andenken. Die Sachsen sollen die fränkischen Wachsoldaten vom Kultplatz vertrieben haben, indem sie sich als Hexen verkleideten — Verkleidung im Widerstand, nicht Schreckbild.

Schlägel und Eisen

Das gekreuzte Werkzeug des Bergmanns, seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Es steht in den Wappen von Clausthal-Zellerfeld, Sankt Andreasberg, Altenau und Lautenthal.

Die Welle

65 Teiche und 70 Kilometer Gräben halten den Harz bis heute in Betrieb. Das Oberharzer Wasserregal ist Welterbe — gebaut wurde es, damit die Räder untertage liefen.

Im gesamten Gebiet des Harzes sieht man immer wieder Schilder oder Fahnen mit dem Aufdruck „Schierker Feuerstein“.

Motorrad & Reisen, Archiv — das Zeichen, das einem wirklich überall begegnet, ist eine Schnapsmarke

Hinter dem Likör steht ein Apotheker mit Namen und Jahreszahl: Willy Drube bekam 1908 in Schierke die Konzession für die Apotheke „Zum Roten Fingerhut" und entwickelte dort die Rezeptur; 1924 ließ er die Marke schützen. Der Kräuter-Halbbitter hat 35 Prozent, die Kräuter werden bis heute in der Schierker Apotheke angesetzt, hergestellt wird er hauptsächlich in Bad Lauterberg. Seit 2017 heißt auch die Eishalle im Ort nach ihm.

Mit Hexen hat der Name nichts zu tun. Er kommt von den Feuersteinklippen bei Schierke, deren rötlicher Granit dem rotbraunen Ton des Likörs ähnelt. Das Etikett, das im Harz an so vielen Fahnen hängt, ist also nach einem Felsen benannt und nicht nach einer Sage — ausgerechnet in dem Ort, den Goethe in die Bühnenanweisung des „Faust" geschrieben hat.

Ein zweites Zeichen ist weit über die Region hinaus zu sehen: das Josephskreuz auf dem Großen Auerberg bei Stolberg, ein Doppelkreuz aus Eisen, 38 Meter hoch, 125 Tonnen schwer, zusammengehalten von rund 100.000 Nieten. Nach Angabe der Gemeinde Südharz ist es das größte eiserne Doppelkreuz der Welt. Von der Plattform reicht der Blick bei gutem Wetter bis zu den Türmen des Magdeburger Doms, zum Brocken und zum Großen Inselsberg. Darunter liegt ein Motorradtreff; als unsere Leute dort saßen, war er am Wochenende gut besucht.

Eine Forelle im Tor und ein wilder Mann mit Tanne

Der Adler auf dem Goslarer Marktbrunnen — eine Kopie, das Original steht im Museum. Kein Bergbauzeichen und kein Landesherr, sondern das Reich: Goslar war ab 1290/1340 freie Reichsstadt.
Der Adler auf dem Goslarer Marktbrunnen — eine Kopie, das Original steht im Museum. Kein Bergbauzeichen und kein Landesherr, sondern das Reich: Goslar war ab 1290/1340 freie Reichsstadt.

Auf Rathaustüren und Wappenschildern sieht man im Harz drei Motive.

Den Turm. Wernigerode, Quedlinburg, Thale, Blankenburg, Osterode und Bad Harzburg führen alle eine Burg oder einen Torturm im Schild. In Wernigerode ist es eine rote Burg auf Silber mit einer Forelle im Tor — die Forelle stammt aus dem Wappen der Grafen von Wernigerode und taucht heute im Kreiswappen des Landkreises Harz gleich doppelt auf. Die älteste erhaltene Darstellung des Wernigeröder Wappens sitzt auf einem Siegel an einer Urkunde von 1309, das Fallgatter kam mit einem Stadtsiegel von 1610 dazu. In Bad Harzburg steht über dem Tor ein „wilder Mann" mit Laubkranz und Laubschurz, der in der Linken eine Tanne hält; in der Toröffnung selbst zwei goldene Löwen und ein halber schwarzer Adler. Verliehen wurde das Wappen am 5. Dezember 1894.

Den Adler. Quedlinburg führt einen schwarzen Adler in Gold, mit rotem Brustschild, darin eine silberne Burg und in deren Tor ein sitzender silberner Hund mit schwarzem Halsband — und zwar ohne Verleihungsurkunde. Johann Siebmachers Wappenbuch von 1605 kennt kein Quedlinburger Wappen, in den Archiven findet sich keine Verleihung, die Stadt hat ihr Zeichen aus dem alten Siegelbild heraus entwickelt und trug es allein nach Gewohnheitsrecht — weshalb es über die Jahrhunderte auch immer wieder anders aussah. 1998 wurde es überarbeitet, weil der Landesregierung die alte Fassung heraldisch nicht sauber genug war. Führen darf es nur die Stadt selbst; für alle anderen gibt es ein eigenes Marketingwappen.

Schlägel und Eisen. Das dritte Motiv ist geliehen. Wo Bergbau war, liegt das gekreuzte Gezähe im Schild: Sankt Andreasberg, Clausthal-Zellerfeld, Lautenthal, Altenau. Warum die beiden Werkzeuge gerade so übereinanderliegen, erzählt der Bergbau.

Wappen sind politisch, und in Sankt Andreasberg sieht man das an einem Datum. Zwischen 1938 und 1945 musste der heilige Andreas aus dem Schild verschwinden und einer Fichte Platz machen. Am 11. Mai 1945 wurde das alte Siegel wiederhergestellt. Ein Baum im Harzer Wappen ist also nicht automatisch Naturverbundenheit. Er kann auch da stehen, weil ein Heiliger weg musste. Braunlages drei Fichten stehen dagegen für die Lage der Stadt zwischen Brocken, Achtermann und Wurmberg, und das Motiv ist alt: Verliehen wurde das Wappen zwar erst am 20. Dezember 1935 durch den Reichsstatthalter von Anhalt und Braunschweig, es steht aber schon im Wappen des Hüttenfaktors Walther von 1693 und auf einem Gerichtssiegel von 1727.

Und damit zurück zur Hexe. Ihre Geschichte ist in beiden Fassungen besser als das, was auf den Schildern steht — egal ob sie als Verkleidung sächsischer Aufständischer anfing oder als Wort in einem Folterprotokoll.

Was gesperrt ist, wo gebaut wird und wo kontrolliert wird

Die Brockenstraße, die B 498 und eine Brücke bis 2028

Über die Krone der Rappbodetalsperre führt eine Straße, dahinter der 219 Meter lange Tunnel. An einzelnen Feiertagen ist hier zu — wegen der Auto-Tuning-Szene, nicht wegen der Motorräder.
Über die Krone der Rappbodetalsperre führt eine Straße, dahinter der 219 Meter lange Tunnel. An einzelnen Feiertagen ist hier zu — wegen der Auto-Tuning-Szene, nicht wegen der Motorräder.

Die Brockenstraße ist ab dem nordwestlichen Ortsausgang von Schierke dauerhaft für den öffentlichen Kraftfahrzeugverkehr gesperrt. Das ist eine Nationalpark-Regelung und gilt für Autos wie für Motorräder. Sie ist die einzige dauerhafte Sperrung im Harz. Auf andere Gipfel führt durchaus Asphalt: Auf das Plateau des Hexentanzplatzes über Thale kommt man auf der Straße.

Die B 498 zwischen Osterode und Riefensbeek-Kamschlacken ist seit dem 6. März 2023 voll gesperrt; die Harzwasserwerke sanieren den Damm der Vorsperre der Sösetalsperre. Der Fertigstellungstermin rutschte von Sommer 2025 über Herbst 2025 auf Frühjahr 2026, seither steht in der Sperrmeldung gar kein Termin mehr. Ende Juli 2026 ist die Strecke weiterhin dicht. Die ausgeschilderte Umleitung läuft über die B 241 durch Clausthal-Zellerfeld. Der Damm der Sösetalsperre selbst ist von Osterode aus anfahrbar, die Sperre beginnt erst hinter dem Parkplatz — durch nach Riefensbeek kommt man nicht.

Die Bramkebrücke der L 517 bei Schulenberg an der Okertalsperre ist seit Ende 2023 zu. Das ist die Verbindung, die am Okerstausee von der B 498 abzweigt und über Schulenberg nach Clausthal-Zellerfeld führt. Der Ersatzneubau läuft, fertig wird er frühestens 2028 — fünf Jahre Sperrzeit an genau der Stelle, an der wir früher die Aufnahmen für unsere Harzfilme gedreht haben.

Beides zusammen hat uns 2024 gezwungen, die eigenen Harztouren neu zu planen und die GPS-Daten neu zum Download zu stellen. Zum ersten Mal seit der ersten Ausgabe im Januar 2007.

An der Rappbodetalsperre hat der Landkreis Harz die Straße über die Staumauer samt Tunnel an einzelnen Feiertagen für den Kraftverkehr gesperrt. Der Anlass war die Auto-Tuning-Szene und deren „Car-Freitag"-Treffen. Mit Motorrädern hatte das nichts zu tun, auch wenn es oft so weitererzählt wird.

Und dann das, was nicht gesperrt ist, obwohl es viele glauben: Eine dauerhafte Motorradsperrung gibt es im Harz nicht. Der Bundesverband der Motorradfahrer führt für Niedersachsen drei — Elbufer bei Hitzacker, Nienstedter Pass bei Bad Münder, Rinteln —, keine davon liegt hier; für Sachsen-Anhalt und Thüringen führt er gar keine. Seine Liste trägt allerdings das Datum 10. Mai 2018.

Einen Fall gab es. 2012 ordnete das Straßenverkehrsamt des Landkreises Goslar für die B 498 zwischen Altenau und Dammhaus ein Wochenendverbot für Krafträder an, freitags 16 Uhr bis sonntags 20 Uhr, nach mehreren Unfällen mit Schwerverletzten. Ausdrücklich wegen des Unfallgeschehens, nicht wegen Lärm, und ausdrücklich nur so lange, bis Warnbeschilderung und Schutzplanken stünden. Die stehen längst. Ob die Anordnung je offiziell zurückgenommen wurde, weiß beim Landkreis heute vermutlich auch niemand mehr.

Im selben Jahr haben wir einen anderen Fall gekippt. Zwischen Sudheim, Levershausen, Suterode und Katlenburg am südwestlichen Harzrand waren die Strecken für Motorräder gesperrt. Wir haben zum 9. Juni 2012 eine Sternfahrt ab der Esso-Tankstelle in Katlenburg-Lindau organisiert; am 3. Juli fiel die Sperrung zwischen Sudheim und Suterode, am 3. August war die gesamte Verbindung wieder frei. 2017 stand dieselbe Ecke noch einmal auf der Kippe — die Strecke am Golfplatz Levershausen war gesperrt worden, angeblich weil die Oberfläche zu glatt sei. Auch das ging nach Protest zurück.

273 Verstöße an einem Sonntag

Warnschilder auf beiden Seiten. Von März bis Anfang Mai 2026 zählte die Polizeiinspektion Goslar einundzwanzig Motorradunfälle, dreizehn mit Schwerverletzten.
Warnschilder auf beiden Seiten. Von März bis Anfang Mai 2026 zählte die Polizeiinspektion Goslar einundzwanzig Motorradunfälle, dreizehn mit Schwerverletzten.

Die Polizeiinspektion Goslar hat von März bis Anfang Mai 2026 in ihrem Bereich 21 Motorradunfälle gezählt. Dreizehn Menschen wurden schwer verletzt, zwei mussten mit dem Rettungshubschrauber in Kliniken geflogen werden. Kontrolliert wird auf B 4, B 242 und B 498 — also genau dort, wo alle fahren. An einem einzelnen Kontrollsonntag kamen 273 Verkehrsverstöße zusammen: 131 Autofahrer und 113 Motorradfahrer waren zu schnell, auf der B 4 gab es drei Fahrverbote, auf der B 498 acht.

Tempolimits, die nur für Motorräder gelten, sind im Harz die Ausnahme. Eines gibt es: Auf der B 4 hinter Braunlage Richtung Hohegeiß gilt 70. Zwischen Torfhaus, Altenau und Clausthal-Zellerfeld gelten 60 — das betrifft alle. Beide Zahlen stehen seit 2018 in unserem Heft. Streckenbezogene Anordnungen werden erlassen und wieder kassiert — acht Jahre sind für so ein Schild eine lange Zeit.

Feste Blitzer stehen an der B 498 keine. Kontrolliert wird zum Saisonstart und nach Unfällen — dann aber richtig. Dass an jedem sonnigen Wochenende im Okertal gemessen wird, erzählt man sich bloß.

Die Runde außen herum

An sonnigen Wochenenden steht der Ausflugsverkehr im Harz so dicht. 2024 kamen 1,2 Millionen Übernachtungsgäste in die Region, die Tagesausflügler sind darin nicht enthalten
An sonnigen Wochenenden steht der Ausflugsverkehr im Harz so dicht. 2024 kamen 1,2 Millionen Übernachtungsgäste in die Region, die Tagesausflügler sind darin nicht enthalten

An sonnigen Wochenenden ist der Ausflugsverkehr im Harz so stark, dass wir eine eigene Tour dagegen gebaut haben: außen herum statt mitten durch. An Kurven fehlt es dabei nicht — die Serpentinen durch den Westerhöfer Wald etwa, der naturräumlich schon nicht mehr zum Harz gehört, sondern zum Leinebergland, und die Kehren zwischen Bockenem und Lutter. Im Harzvorland auf der Sachsen-Anhalt-Seite steht man dafür hinter Kolonnen, die sich über Kilometer nicht auflösen.

Landschafts-Highlights, die du mit dem Motorrad erreichst

Torfhaus mit Brockenblick

Höchstgelegene Siedlung Niedersachsens, direkt an der Kammstraße gelegen — von hier steht der Brocken frei im Blick, ohne Umweg und ohne Fußmarsch. Die Parkplätze an der B 4 sind seit Jahrzehnten fester Treffpunkt für Motorradfahrer und Wanderer.

Anfahrt
An der B 4 zwischen Bad Harzburg und Braunlage, rund 10 Kilometer von Bad Harzburg und rund 12 Kilometer von Braunlage.
Motorrad-Parken
Mehrere große Parkflächen unmittelbar an der B 4. Asphaltiert und großzügig, Platz für gebündeltes Abstellen mehrerer Maschinen; an Sommerwochenenden entsprechend gut belegt.
Öffnungszeiten
frei zugänglich; vor Ort das Nationalpark-Besucherzentrum TorfHaus (seit 2009) und der 65 Meter hohe Harzturm (seit Juli 2024)
Höhe/Aussicht
780 bis 821 m ü. NHN, mit Blick auf den Brocken

Okertalsperre an der B 498

Die einzige Bogengewichtsmauer Deutschlands: 75 Meter hoch, 260 Meter lang, dahinter 2,25 Quadratkilometer Wasserfläche. Die Zufahrt durch das Okertal ist eines der engsten Kurvenstücke des Westharzes und allein die Anfahrt wert.

Anfahrt
B 498 zwischen Goslar-Oker und Altenau; die Bundesstraße folgt der Oker und führt am Stausee entlang. Bei Altenau zweigt die L 517 Richtung Zellerfeld ab.
Motorrad-Parken
Parkflächen an den Aussichtspunkten und Gaststätten entlang des Ufers sowie im Bereich der Staumauer, direkt von der B 498 aus erreichbar.
Öffnungszeiten
frei zugänglich
Höhe/Aussicht
Staumauer 75 m über Gründungssohle; die Hänge des Okertals stehen streckenweise bis zu 300 Meter über der Fahrbahn

Weltkulturerbe Rammelsberg, Goslar

Erzbergwerk am Nordrand des Harzes, seit 1992 gemeinsam mit der Altstadt von Goslar auf der UNESCO-Welterbeliste und 2010 um die Oberharzer Wasserwirtschaft, Kloster Walkenried und die Grube Samson erweitert. Die Führungen gehen unter Tage, unter anderem mit der Grubenbahn.

Anfahrt
Bergtal 19, 38640 Goslar, über die Rammelsberger Straße südlich der Goslarer Altstadt. Die B 241 endet in Goslar, die B 498 führt aus dem Okertal heran.
Motorrad-Parken
Besucherparkplatz für Pkw und Busse direkt am Museumsgelände, von dort kurzer Weg zum Eingang.
Öffnungszeiten
April bis Oktober täglich 9:00 bis 18:00 Uhr (letzte Führung 16:30 Uhr), November bis März täglich 9:00 bis 17:00 Uhr (letzte Führung 15:30 Uhr); am 24. und 31. Dezember geschlossen

Rappbodetalsperre mit Hängebrücke Titan RT

Mit maximal 106 Metern die höchste Staumauer Deutschlands und zugleich die größte Trinkwassertalsperre des Landes. Die Fußgängerhängebrücke Titan RT spannt 458,5 Meter frei über das Wendefurther Staubecken, rund 100 Meter über dem Wasser.

Anfahrt
Die L 96 führt über die Staumauer und bindet an die B 81 zwischen Wendefurth und Hasselfelde an. Adresse: Rappbodetalsperre, An der L 96, 38889 Oberharz am Brocken.
Motorrad-Parken
Besucherparkplatz Rappbodetalsperre unmittelbar an der L 96 am Brückenzugang; großzügig dimensioniert, weil die Brücke ganzjährig Publikum zieht.
Öffnungszeiten
Brücke ganzjährig täglich 8:00 bis 21:30 Uhr; Ticketcenter April bis Oktober täglich 9:00 bis 18:00 Uhr, Februar/März sowie November/Dezember Dienstag bis Sonntag 10:00 bis 16:00 Uhr, im Januar geschlossen. Erwachsene 7,50 Euro
Höhe/Aussicht
Staumauer maximal 106 m hoch und rund 415 m lang; Brückendeck etwa 100 m über dem Stausee
Blick über die bewaldete Bodetal-Schlucht auf das Roßtrappenmassiv

Hexentanzplatz über dem Bodetal, Thale

Felsplateau hoch über der Bodeschlucht, gegenüber der Roßtrappe. Der Blick geht in einen Einschnitt, der sich bei Thale rund 280 Meter tief ins Gestein zieht — Naturschutzgebiet seit 1937, Nationaler Geotop seit 2006.

Anfahrt
Ab Thale über die Zufahrtsstraße hinauf aufs Plateau; Thale hat direkten Anschluss an die A 36. Alternativ mit der Bodetal-Seilbahn aus dem Tal, der Sessellift auf der Gegenseite führt zur Roßtrappe.
Motorrad-Parken
Großparkplatz am Plateau mit rund 750 Stellplätzen, seit 2022 mit zusätzlichem Parkdeck; Ladestation vorhanden.
Öffnungszeiten
Plateau frei zugänglich; Seilbahn, Sessellift und die Anlagen am Berg laufen in der Saison täglich ab 9:30 Uhr, Bergtheater und Walpurgishalle mit eigenen Zeiten
Höhe/Aussicht
454 m ü. NHN, gegenüber die Roßtrappe mit 403 m; das Bodetal ist bei Thale rund 280 m tief eingeschnitten, bei Treseburg rund 140 m

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