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Natur im Harz

Wald, Wasser und Tierwelt — was sich gerade verändert und wo man es sieht.

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Natur im Harz: Wald im Umbau, Hochmoore und der Gips am Südrand

Vorfrühling auf dem Weg zum Brocken: Bäume noch kahl, Schneereste auf den Kuppen, rote Schneestangen am Rand — …
Vorfrühling auf dem Weg zum Brocken: Bäume noch kahl, Schneereste auf den Kuppen, rote Schneestangen am Rand — der Harz fängt für die meisten in dieser Jahreszeit an.

Der Harz sieht heute anders aus als vor zehn Jahren. Über den Hochlagen stehen graue Stämme, dazwischen liegen umgefallene, ganze Hänge voll davon, und darunter kommen von selbst junge Birken, Ebereschen, Aspen und Weiden hoch. Das ist nicht ein Hang, an dem man vorbeikommt. Das sind die Hochlagen auf ganzer Breite. Angefangen hat die Sache vor dreihundert Jahren.

11.600 Hektar tot — und die Fichte gehörte nie hierher

Tote Stämme, graue Stümpfe, dazwischen kommt von selbst etwas nach. Seit 2018 hat der Nationalpark über 11.600 Hektar Fichtenwald verloren — rund neunzig Prozent des Bestandes.
Tote Stämme, graue Stümpfe, dazwischen kommt von selbst etwas nach. Seit 2018 hat der Nationalpark über 11.600 Hektar Fichtenwald verloren — rund neunzig Prozent des Bestandes.

Seit 2018 hat der Nationalpark Harz mehr als 11.600 Hektar Fichtenwald verloren, rund 90 Prozent seines früheren Fichtenbestandes. Nebenan, im Wirtschaftswald der Niedersächsischen Landesforsten, sind noch einmal rund 30.000 Hektar Schadfläche entstanden. Zwei verschiedene Waldbesitzer, zwei getrennte Zahlen.

Ausgelöst hat es der Borkenkäfer. Der Harzer Tourismusverband sagt es so: Der Käfer ist der Auslöser, der Klimawandel die Ursache. Nach dem Orkantief Friederike und der Rekorddürre von 2018 standen Millionen geschwächter Bäume da, und ein einziges Käferweibchen bringt es in einem warmen, trockenen Jahr über mehrere Generationen auf bis zu 200.000 Nachkommen. Die Nationalparkverwaltung nennt Dürre, Käfer und Stürme in einem Atemzug.

Der eigentliche Grund liegt weiter zurück. Die Fichtenwälder, die hier gestorben sind, waren nie Naturwald. Im 18. Jahrhundert hatte der Erzbergbau den Harz stellenweise entwaldet, und der Oberforstmeister Hans Dietrich von Zanthier setzte dagegen ein Aufforstungskonzept mit schnellwüchsigen Fichten. Was daraus wurde, war eine Monokultur. Die Pflanzen stammten aus anderen Regionen und sind anfälliger für den Käfer als die heimische Harzfichte. Bei Ilsenburg reicht diese Fichte bis auf 230 Meter herunter — da hat der Baum nie hingehört. Die zweite Kahlschlagphase kam zwischen den 1930er Jahren und etwa 1950: Übernutzung und Kahlschläge für den Wiederaufbau hinterließen allein in Niedersachsen rund 140.000 Hektar entwaldete Fläche, und ab den 1940er Jahren wurde wieder Fichte gepflanzt. Im Dezember 2007 bestand der Nationalpark zu 82 Prozent aus Fichte und zu 12 Prozent aus Buche. Der Käfer hat also eine Monokultur vorgefunden, die selbst schon das Ergebnis eines Kahlschlags war.

Der Nationalpark lässt liegen, der Wirtschaftswald räumt ab

Im Wirtschaftswald wird geräumt und neu gepflanzt, im Nationalpark bleibt der Stamm liegen. Zehn bis vierzig Jahre dauert das, je nachdem, was am Ende stehen soll.
Im Wirtschaftswald wird geräumt und neu gepflanzt, im Nationalpark bleibt der Stamm liegen. Zehn bis vierzig Jahre dauert das, je nachdem, was am Ende stehen soll.

Im Nationalpark bleiben die toten Stämme stehen und liegen. Das Leitprinzip heißt „Natur Natur sein lassen"; in der Naturdynamikzone, die am 1. Januar 2021 rund 70 Prozent der Parkfläche ausmachte, wird gar nicht mehr eingegriffen. Das Argument der Verwaltung ist das Totholz: Von vermodernden Buchenstämmen leben in Mitteleuropa bis zu 27 Säugetierarten, 70 Vogelarten, 1.500 Käferarten und 3.300 Pilzarten. Bekämpft wird der Käfer nur in einem rund 500 Meter breiten Streifen entlang der Parkgrenze, damit er nicht in die Wälder der Nachbarn überspringt — und dort mechanisch, ohne Chemie. In der Naturentwicklungszone dagegen wird gepflanzt: Seit 2008 hat der Nationalpark rund sieben Millionen Laubbäume gesetzt, überwiegend Buchen, dazu Bergahorn und Erle.

Der Wirtschaftswald arbeitet anders: räumen, pflanzen, zäunen. Die Landesforsten fahren seit 1991 das Programm LÖWE, langfristige ökologische Waldentwicklung; der Mischwaldanteil in Niedersachsen stieg damit innerhalb von 25 Jahren von 31 auf 58 Prozent. Für die Wiederbewaldung des Harzes hat das Land 105 Millionen Euro zugesagt, 34 Millionen davon sind seit 2018 geflossen. Bis daraus wieder Wald wird, vergehen 10 bis 40 Jahre, je nachdem, was am Ende stehen soll.

Einig ist sich darüber niemand. Wolf-Eberhard Barth, früher selbst Leiter des Nationalparks, sagt öffentlich, erst die Einstellung der großflächigen Käferbekämpfung um 2005 habe die Verwüstung verursacht. Die Stadt Ilsenburg hat sich über den Einsatz von Harvestern beschwert. Und Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer nannte den Anblick bei einem Besuch 2024 „gewöhnungsbedürftig" — was die Leute an der Straße dazu sagen, ist deutlicher. Sein Argument dagegen: Am Ende wachse hier ein Wald, der mit dem Klima zurechtkommt.

Was kommen soll, hat der Nationalpark nach Höhenstufen sortiert: Buchenwälder in den tieferen Lagen, Schluchtwälder an den steilen feuchten Hängen, Buchen-Fichten-Mischwald zwischen 700 und 800 Metern, Fichten-Bergwald darüber, und oberhalb von etwa 1.100 Metern am Brocken die Bergheide. Ganz oben gehört die Fichte hin. Unten nicht.

24.732 Hektar, zwei Bundesländer, ein Wegegebot

Absolutes Wegegebot, rund 600 Kilometer beschilderte Wege. Was Motorradfahrer am ehesten trifft, steht nicht auf diesem Schild: Drohnen sind im gesamten Nationalpark verboten.
Absolutes Wegegebot, rund 600 Kilometer beschilderte Wege. Was Motorradfahrer am ehesten trifft, steht nicht auf diesem Schild: Drohnen sind im gesamten Nationalpark verboten.

Der Nationalpark Harz war der erste länderübergreifende Nationalpark Deutschlands, und er ist aus zwei Parks zusammengewachsen: Der Nationalpark Hochharz wurde am 1. Oktober 1990 noch in der DDR gegründet, der niedersächsische Nationalpark Harz am 1. Januar 1994, zum 1. Januar 2006 wurden beide zusammengelegt. Er misst 24.732 Hektar, etwa zehn Prozent des Harzes, ist rund 25 Kilometer breit und 35 Kilometer lang und zu 97 Prozent bewaldet. Die Verwaltung sitzt in Wernigerode.

Eine Regel betrifft Motorradfahrer wirklich: Drohnen sind im gesamten Nationalpark verboten. Alles andere gilt für die, die absteigen und loslaufen — absolutes Wegegebot auf rund 600 Kilometern beschilderter Wege, Hunde an die Leine, kein Feuer, kein Zelt.

Sieben Meter Torf über 1.000 Metern

Rund 2.000 Hektar des Nationalparks sind vermoort, 500 Hektar davon sind weitgehend waldfreie Hoch- und Niedermoore. Sie liegen fast alle im Westteil des Hochharzes zwischen 700 und 1.100 Metern, rund um Torfhaus und den Oderteich. Die Torfkörper sind bis zu sieben Meter mächtig und über Jahrtausende gewachsen. Ein Hochmoor hat den Kontakt zum Grundwasser verloren und lebt nur noch vom Regen; getragen wird es von Torfmoosen, von denen es im Harz etwa 25 Arten gibt. Gestochen wurde der Torf hier auch — der Ort Torfhaus hat davon seinen Namen.

Was dort oben wächst, gehört nicht ins Mittelgebirge, sondern nach Norden: der rundblättrige Sonnentau, der Insekten frisst, das scheidige Wollgras und die Zwergbirke, ein Relikt der Eiszeit, das über 50 Zentimeter nicht hinauskommt. Dazu Tiere, die man sonst lange sucht — Hochmoor-Perlmutterfalter, Moosbeeren-Grauspanner, arktische und alpine Smaragdlibelle. Ran kommt man an zwei Stellen: ans Große Torfhausmoor über eine ausgeschilderte Route und an den Oderteich über den Bohlensteg.

Luchs, Wildkatze, Auerhuhn — eine gelungene und eine gescheiterte Rückkehr

Der letzte frei lebende Luchs des Harzes wurde 1818 bei Lautenthal erlegt. 182 Jahre später fing die Nationalparkverwaltung an, das rückgängig zu machen: Zwischen Sommer 2000 und Herbst 2006 wurden 24 Tiere ausgewildert, neun Kuder und 15 Katzen, allesamt Nachzuchten aus europäischen Wildparks, vorher in einem vier Hektar großen Gehege im Park eingewöhnt. Es war das erste behördlich getragene Wiederansiedlungsprojekt dieser Art in Deutschland — im Bayerischen Wald waren schon in den 1970er Jahren fünf bis zehn Luchse ausgesetzt worden, aber ohne staatliches Programm dahinter. Im Sommer 2002 kamen die ersten wildgeborenen Jungtiere. Heute leben rund 90 Luchse im Harz und rund 110 in den niedersächsischen Wäldern insgesamt; die Tiere sind längst über das Gebirge hinaus — 2010 im hessischen Teil des Kaufunger Waldes, 2013 im Hils, 2016 im Solling.

Ein Luchs im Harz wiegt 15 bis 25 Kilo, ist 85 bis 110 Zentimeter lang und beansprucht ein Revier zwischen 30 und 400 Quadratkilometern. Über die Hälfte seiner Nahrung sind Rehe. Im Wald bekommt man ihn so gut wie nie zu Gesicht, er ist dämmerungs- und nachtaktiv. Sehen kann man ihn trotzdem, im Schaugehege an der Rabenklippe über Bad Harzburg: Fütterung mit Erläuterung mittwochs und samstags um 14:30 Uhr, Eintritt frei. Das Motorrad bleibt dabei unten stehen, die Zufahrtsstraße ist für den öffentlichen Verkehr gesperrt. Es geht nur zu Fuß — rund vier Kilometer und 200 Höhenmeter ab Bad Harzburg —, mit der Burgberg-Seilbahn plus Fußweg oder von April bis Anfang November mit der Buslinie 875 „Grüner Harzer". Garantiert ist nichts, das Gehege ist groß und hat viele Verstecke. Inzwischen ist es außerdem Zuchtstation: Im Juni 2026 hat dort die aus der Ukraine gekommene Luchsin „Rikki" drei Junge bekommen.

Die zweite Katze der Region ist die Europäische Wildkatze. In Niedersachsen war sie jahrzehntelang nur noch im Harz heimisch; von dort aus hat sie wieder weite Teile des Landes besiedelt. Bundesweit hielten sich daneben Restvorkommen, unter anderem in Eifel, Hunsrück, Pfälzerwald und Nordhessen. Seit 2011 pflanzt der BUND im Projekt „Wildkatzensprung" Hecken und Baumreihen, die den Harz mit dem Solling verbinden, damit die Tiere überwechseln können. Anschauen kann man sie im NABU-Wildkatzen-Erlebniszentrum an der Marienteichbaude bei Bad Harzburg, Fütterungen mehrmals täglich, Eintritt vier Euro.

Wie so etwas auch ausgehen kann, zeigt das Auerhuhn. Ab 1978 versuchte man, es wieder anzusiedeln; das Land Niedersachsen zog in einer Zuchtstation im Harz rund 1.000 Vögel auf. Zeitweise lebten 60 bis 80 Tiere im Gebiet, eine sich selbst tragende Population entstand nie. Heute gilt das Auerhuhn in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt als ausgestorben, freilebende Tiere sind im Harz seit vielen Jahren nicht mehr gesichtet worden. Der Grund liegt wieder in der Forstgeschichte: Der lichte Buchen-Fichten-Mischwald der höheren Lagen, in dem der Vogel lebte, verschwand mit der Aufforstung. Das Schaugehege in Lonau ist derzeit geschlossen.

Gejagt wird im Nationalpark durchaus, aber nur Rothirsch und Reh, und nur, weil sie die jungen Buchen abfressen. Trophäenjagd gibt es dort nicht, eine wirtschaftliche Zielsetzung auch nicht, und die Jagdzeit beginnt erst im August. Im Harz insgesamt kommen außerdem Wildschwein und Mufflon vor. Bären gab es hier auch einmal: Der letzte wild lebende Harzer Bär wurde Ende des 17. Jahrhunderts erlegt — mehr als hundert Jahre bevor 1835 bei Ruhpolding der letzte Braunbär Deutschlands fiel.

Sechzehn Talsperren, zwölf Flüsse und eine Leitung bis Bremen

An der Söse fing es an: Sperre 1928 bis 1931 gebaut, 485 Meter Damm, 56 Meter hoch, 14,7 Millionen Reichsmark. Ab 1934 wurde von hier eine Leitung nach Bremen verlegt — knapp 200 Kilometer Stahlrohr.
An der Söse fing es an: Sperre 1928 bis 1931 gebaut, 485 Meter Damm, 56 Meter hoch, 14,7 Millionen Reichsmark. Ab 1934 wurde von hier eine Leitung nach Bremen verlegt — knapp 200 Kilometer Stahlrohr.

Im 20. Jahrhundert sind im Harz 16 Talsperren gebaut worden, die zwölf Harzflüsse anstauen. Sechs davon gehören den Harzwasserwerken — gegründet 1928, Sitz Hildesheim —, und die liegen allesamt im Westen und Norden: Söse (1931), Oder (1930er Jahre), Ecker (1944), Oker (1956), Innerste (1966) und Grane (1969). Mit 90,2 Millionen Kubikmetern Fördermenge im Jahr (Stand 2023) sind sie der größte Wasserversorger Niedersachsens. Geholt wird das Wasser dort, wo es fällt, und das ist die Westseite.

Angefangen hat es an der Söse. Die Sperre wurde von 1928 bis 1931 gebaut, in erster Linie für Trinkwasser, und kostete damals 14,7 Millionen Reichsmark. Der Damm ist 485 Meter lang und 56 Meter hoch und besteht aus Erde und Lehm mit einem Betonkern in der Mitte; dahinter stehen maximal 25,5 Millionen Kubikmeter, ein Wasserkraftwerk mit 1,44 Megawatt läuft mit. Ab 1933 legte man von hier aus eine Fernwasserleitung an, die bis nach Bremen reicht: fast 200 Kilometer Stahlrohr, verlegt ab 1934. Baden ist an der Söse verboten, es ist Trinkwasser. Von der Hammersteinklippe darüber reicht der Blick über den Stausee bis ins Harzvorland; hinauf geht es nur zu Fuß.

Die Okertalsperre ist die bekannteste, weil die B 498 an ihr entlangführt. Ihre Mauer ist eine Bogengewichtsmauer, 75 Meter hoch über der Gründungssohle, 260 Meter lang und oben acht Meter breit; dahinter liegen 46,85 Millionen Kubikmeter auf 2,25 Quadratkilometern Wasserfläche. Zwei Dinge liest man oft, und beide stimmen nicht. Die einzige Bogengewichtsmauer Deutschlands ist sie nicht, davon gibt es gut zwei Dutzend. Und über die Mauerkrone führt keine Straße: Die B 498 quert den See auf der Weißwasserbrücke und passiert die Mauer am Hang, oben drauf kommt man nur zu Fuß. Die Sperre hält Hochwasser zurück, stützt den Wasserstand bei Niedrigwasser, dient der Trinkwassergewinnung und macht Strom, letzteres im Speicherkraftwerk Romkerhalle mit 4,14 Megawatt. Am Ufer fährt die OkerSeeSchifffahrt, Anleger Weißwasser.

Die Rappbodetalsperre im Ostharz ist die Ausnahme von der Westregel und zugleich das größte Ding: 106 Meter hohe Mauer — die höchste Staumauer Deutschlands —, rund 415 Meter lang, dahinter die größte Trinkwassertalsperre des Landes. Über ihre Mauerkrone führt, anders als an der Oker, tatsächlich eine Straße: die L 96, die südöstlich der Sperre von der B 81 abzweigt. Gebaut wurde ab 1938, der Krieg unterbrach, 1959 ging sie in Betrieb. Beinahe hätte es das Bodetal nicht mehr gegeben: Ein Plan von 1891 sah vor, die Schlucht komplett aufzustauen, die sich die Bode über Jahrmillionen in den Ramberggranit gefressen hat. Auf das Wasser und den Hochwasserschutz wollte man nicht verzichten, also verlegte man den Stau flussaufwärts. Deshalb gibt es das Bodetal heute noch.

Zweimal ist dem Harz das passiert. Das Siebertal zwischen Herzberg und dem Sieberpass sollte ebenfalls mit einer mächtigen Staumauer zur Trinkwassertalsperre werden. Daraus wurde nichts, die Anwohner sind dagegen aufgestanden. Die Straße durchs Tal und die Kurvenpartie hinauf zum Pass gibt es nur deshalb.

Etwas ganz anderes ist die Odertalsperre weiter unten bei Bad Lauterberg: über 30 Millionen Kubikmeter, nach dreijähriger Bauzeit 1934 in Betrieb genommen, für Hochwasserschutz und Strom. An der Innerstetalsperre durfte man 2001 baden, am Oderteich auch. Was gerade gilt, steht vor Ort.

Der Gipsgürtel am Südrand — wo Bäche im Boden verschwinden

265 Kilometer Karstwanderweg, quer durch drei Bundesländer, markiert mit einem weißen K auf rotem Querbalken. Darunter arbeitet der Berg weiter: Der Gips löst sich, und wo unten ein Hohlraum nachgibt, fällt oben der Boden ein.
265 Kilometer Karstwanderweg, quer durch drei Bundesländer, markiert mit einem weißen K auf rotem Querbalken. Darunter arbeitet der Berg weiter: Der Gips löst sich, und wo unten ein Hohlraum nachgibt, fällt oben der Boden ein.

Am Südrand hört das Grundgebirge auf, und darunter liegt etwas völlig anderes: die Ablagerungen des Zechsteinmeeres, rund 257 bis 251 Millionen Jahre alt, und darin Anhydrit, der sich mit Wasser in Gips verwandelt. Gips löst sich zehnmal schneller als Kalkstein und hundertmal schneller als Sandstein. Deshalb arbeitet der Untergrund hier weiter, während oben die Wiese steht: Bäche verschwinden im Boden und kommen anderswo als Quelle wieder heraus, und wo unten ein Hohlraum nachgibt, fällt oben der Acker ein. Der Juessee und der Beberteich sind solche Einbrüche, keine angelegten Teiche.

Der Südharzer Gipskarstgürtel liegt im Dreiländereck von Sachsen-Anhalt, Thüringen und Niedersachsen und gilt als eine der wertvollsten Sulfatkarstlandschaften der Welt. Erschlossen ist er durch den Karstwanderweg: 265 Kilometer durch die Landkreise Mansfeld-Südharz, Nordhausen und Göttingen, markiert mit einem weißen K auf rotem Querbalken. Ein Teil des Gebiets ist seit dem 23. März 2009 Biosphärenreservat Karstlandschaft Südharz, 30.034 Hektar, das 16. Reservat Deutschlands. Ein UNESCO-Biosphärenreservat ist es nicht — die Anerkennung scheiterte 2013 am Widerstand der betroffenen Gemeinden.

Gleichzeitig wird der Gips abgebaut, und die Tagebaue prägen vielerorts das Landschaftsbild. Der Konflikt wird eher größer. Bisher deckte REA-Gips aus der Rauchgasentschwefelung der Kohlekraftwerke den größten Teil des deutschen Bedarfs, 2014 waren es sieben von elf Millionen Tonnen. 2021 waren es noch 40 Prozent, für 2025 wurden rund 35 Prozent erwartet. Mit dem Kohleausstieg fällt dieser Gips weg, und der Druck geht auf den Naturgips — also auf genau diesen Gürtel.

Drei Höhlen: der Große Dom, die Gipslappen — und die Olme von Rübeland

Rübeland: Die Straße schneidet durch den devonischen Kalk, links geht es in die Hermannshöhle. Gefunden hat man sie 1866 beim Straßenbau.
Rübeland: Die Straße schneidet durch den devonischen Kalk, links geht es in die Hermannshöhle. Gefunden hat man sie 1866 beim Straßenbau.

Die Höhlen im Süden liegen entsprechend in Gips und Anhydrit. Die Heimkehle bei Uftrungen ist rund 2.000 Meter lang, 750 Meter davon begehbar; ihr „Großer Dom" misst 65 Meter im Durchmesser und 22 Meter in der Höhe, und rund 4.000 Fledermäuse aus über zehn Arten hängen darin. Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie 1357, Schauhöhle ist sie seit dem 12. September 1920. Vom 12. März 1944 bis zum 4. April 1945 wurden darin unter Tage Flugzeugteile für Junkers gefertigt; 200 bis 600 KZ-Häftlinge mussten dort arbeiten, viele starben. In der Höhle steht eine Gedenkstätte.

Die Barbarossahöhle am Kyffhäuser ist eine Anhydrithöhle, eine von weltweit zwei begehbaren; von Decken und Wänden hängen die typischen „Gipslappen". Entdeckt wurde sie am 20. Dezember 1865 beim Kupferschieferbergbau, seit 1866 ist sie Schauhöhle, seit 1895 elektrisch beleuchtet.

Die Höhlen bei Rübeland im Bodetal sind etwas ganz anderes, auch wenn sie oft im selben Satz genannt werden: Die Baumanns- und die Hermannshöhle liegen im devonischen Kalkstein des Elbingeröder Komplexes, nicht im Gips. Die Hermannshöhle fand 1866 der Straßenarbeiter Wilhelm Angerstein. Sie ist 3.364 Meter lang und bekannt für ihre Höhlenbärenknochen, und in einem künstlichen Teich darin leben seit 1932 Grottenolme — damals fünf Tiere aus Istrien, 1956 kamen 13 aus Slowenien dazu. Die Baumannshöhle ist seit 1649 öffentlich zugänglich: Damals bekam Valentin Wagner von den Braunschweiger Herzögen das Privileg, Besucher hindurchzuführen. Goethe war dreimal drin, 1777, 1783 und 1784; sein Name hängt seither am größten Raum. Der Goethesaal ist 2.500 Quadratmeter groß und hat ein Höhlentheater mit zwei Bühnen und bis zu 300 Plätzen, bis 1928 hieß er Tanzsaal, und seit 2000 wird dort geheiratet. Aus derselben Höhle stammt das „Große Knochenfeld" mit den Resten des Höhlenbären. Das Entdeckungsjahr 1536, das überall steht, ist eine Erfindung der 1930er Jahre.

Bei Rhumspringe kommt zurück, was der Karst geschluckt hat

Der Quellteich bei Rhumspringe. Was hier heraufkommt, ist im Gipskarst des Südharzes versickert und hat Jahre gebraucht.
Der Quellteich bei Rhumspringe. Was hier heraufkommt, ist im Gipskarst des Südharzes versickert und hat Jahre gebraucht.

Die Rhumequelle am Südwestrand ist eine Karstquelle: Wasser, das im Südharz im Untergrund versickert ist, tritt hier wieder zutage — es ist das Sickerwasser der Sieber. Für Trinkwasser ist es eigentlich zu hart und ungefiltert; ein Prozent wird trotzdem entnommen und versorgt rund 15.000 Menschen. Ganzjährig ist es um 8 Grad kühl und durch gelösten Kalk türkis. Vom Parkplatz sind es ein paar Schritte.

Der Iberg war ein Korallenriff, der Romkerhaller Wasserfall ist gemacht

Sieht nach Natur aus, ist aber gebaut: Der Romkerhaller Wasserfall im Okertal ist angelegt worden. Die Terrasse darüber gehört zum Hotel.
Sieht nach Natur aus, ist aber gebaut: Der Romkerhaller Wasserfall im Okertal ist angelegt worden. Die Terrasse darüber gehört zum Hotel.

Der Romkerhaller Wasserfall im Okertal an der B 498 sieht aus wie Natur, ist aber angelegt. Der Iberg bei Bad Grund ist der umgekehrte Fall: echt, nur nicht von hier. Er war vor rund 385 Millionen Jahren ein Korallenriff, gewachsen auf der geografischen Breite des heutigen Madagaskar, und seither ist er hierher gewandert. Im Berg sitzt die Iberger Tropfsteinhöhle, in der ganzjährig 8 Grad herrschen — im Hochsommer in Motorradklamotten ein Argument. Zwei Kurven weiter steht der Steinbruch Winterberg, in dem der sehr reine Kalk für die Industrie abgebaut wird.

Wasser, das wirklich fällt, gibt es am Lonauer Wasserfall im Stadtgebiet von Herzberg, kurz bevor die Lonau in die Sieber mündet: rund zehn Meter Fallhöhe, verteilt auf mehrere Stufen, in einer kleinen Schlucht aus Grauwacke und Flusskies. Und im Okertal steht der Granit direkt über der Straße. Die Oker hat sich dort tief in den Fels gegraben und mächtige Blöcke freigespült; die Talhänge stehen streckenweise 300 Meter über der Fahrbahn.

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