Der Name des Gebirges ist selbst schon eine Ortsbeschreibung: Bis ins Mittelalter hieß der Harz „Hart", und das ist nicht irgendein Wald, sondern der Bergwald. An den Ortsschildern geht es genauso weiter. Wo sie vom Holz lebten, heißt das Dorf Schierke, nach dem schieren, also blanken Holz. Wo sie Erz fanden, steht heute „Bergstadt" über dem Namen. Und wo weder das eine noch das andere zu holen war, heißt das Dorf Elend.
Ein Dorf heißt Elend, das nächste Sorge

Zwischen Tanne und Drei Annen Hohne liegen zwei Orte, deren Namen wie ein Witz klingen und keiner sind. Kurz hinter Sorge zweigt eine schmale Teerpiste ab, die früher die Grenzsicherungstruppen der DDR benutzten; sie führt nach Elend. Die Lage erklärt beide: Erz wie bei Goslar gab es rund um den Brocken nicht, für Landwirtschaft war es zu kalt, blieben Holz und etwas Vieh. Reich wurde damit niemand, und dabei blieb es bis weit in die Neuzeit. Dann kamen die Kriege des 20. Jahrhunderts, und danach lagen beide Dörfer im Sperrgebiet an der innerdeutschen Grenze.
Bei Sorge hat die naheliegende Lesart sogar wissenschaftliche Deckung. Den Ortsnamen gibt es in Mitteldeutschland mehrfach, und der Namenforscher Karlheinz Hengst führt ihn auf die sorgenvollen Verhältnisse zur Gründungszeit zurück. Im Ort selbst erzählt man es anders: Da kommt Sorge vom mittelhochdeutschen „Zarge", der Grenze — und tatsächlich liefen hier jahrhundertelang Herrschaftsgrenzen zusammen, nach dem Wiener Kongress die zwischen Preußen und dem Herzogtum Braunschweig.
Bei Elend ist die Deutung nicht belegt — sie wird vor Ort so erzählt. Die älteste Namensform ist eine Flurbezeichnung von 1483: „unter dem elendischen Wege". Und „elend" hieß damals noch gar nicht arm. Das Wort kommt aus dem Althochdeutschen, aus „eli" für fremd und „lenti" für Land — im fremden Land, in der Verbannung. Welche der beiden Bedeutungen dem Dorf den Namen gab, weiß niemand.
Stiege, Schierke, Braunlage, Thale: was in den anderen Namen steckt

Der alte Weg, der den Harz von West nach Ost quert, hieß der „Stieg". Davon hat der Ort Stiege im Unterharz seinen Namen, und mit ihm das Schloss, dessen Bau wohl schon 919 begann. Von den einst vier Ecktürmen steht heute nur noch der südwestliche.
Schierke taucht zwischen 1588 und 1591 zum ersten Mal auf, als „Schircke", und der Anlass war eine Sägemühle an der Kalten Bode. Thale hieß 1231 „Dat Dorp to dem Dale", 1288 lateinisch „de valle", ab 1303 „von Thale" — Dale, das Tal. Wernigerode endet auf „-rode", die Rodung; um 1100 wurden dort Buchen- und Laubmischwälder geschlagen, 1121 wird der Ort erstmals genannt, weil Graf Adalbert zu Haimar aus der Gegend bei Hildesheim sich fortan Graf von Wernigerode nannte. Goslar geht wahrscheinlich auf den Flurnamen eines Auetals zurück, das nach dem Harzflüsschen Gose hieß; 979 steht der Name zum ersten Mal in einer Urkunde.
Braunlage ist der Fall, bei dem sich die Sprachforscher nicht einig sind. Die alten Schreibweisen liegen fest: 1227 Brunla, 1234 Brunenla, 1235 Brunenlo, die heutige Form seit 1679. Der zweite Teil ist das ostfälische „-la" für Wald. Beim ersten steht die Deutung „brūn" — braun — neben einem altisländischen Wort für „Braue, Kante", und keine der beiden ist gesichert. Bei Quedlinburg weiß es keiner. Der Name steht seit dem 22. April 922 in den Akten, als „villa quae dicitur Quitilingaburg"; was er heißt, hat bis heute niemand geklärt.
Zwei Namen im Oberharz kommen direkt aus dem Bergbau. Sankt Andreasberg heißt nach dem heiligen Andreas, dem Schutzpatron der Bergleute — Mönche des Klosters Walkenried tauften den Berg auf „St. Andrews Berg", und 1487 steht die Form „sanct AndrewsBerges" in einem Brief des Grafen Heinrich von Stolberg. Der Ort war einmal der größte des Oberharzes: Um 1575 lebten dort 2.500 Menschen. Ende 2025 waren es 1.387, und seit dem 1. November 2011 ist Sankt Andreasberg ein Ortsteil von Braunlage. Clausthal leitet sich wohl von einer Klause her, einer Talsperre für die Flößerei; im benachbarten Zellerfeld soll im 8. Jahrhundert Bonifatius eine Zelle errichtet haben, also eine Kapelle, und Anfang des 13. Jahrhunderts gründeten Benediktiner dort das Kloster Cella.
Rund um den Harz wird ostfälisch gesprochen: mek und dek statt mi und di
Um den Harz herum wird ostfälisch gesprochen, das Platt zwischen Uelzen, Hannover und der Magdeburger Börde. Erkennen kann man es an den Pronomen — „mek" und „dek", wo anderswo „mi" und „di" steht —, dazu an Wörtern wie Löppel für Löffel, Mäken für Mädchen, hinner für hinter. Viele, die das noch können, sind es nicht mehr, und fast alle sind alt. Nur im Oberharz klingt es anders: Dort haben zugewanderte Bergleute im 16. Jahrhundert ihre eigene Mundart mitgebracht, und die hat sich gehalten.
Goslar: 1.500 Fachwerkhäuser, die stehen geblieben sind

Goslar hat den Zweiten Weltkrieg ohne größere Zerstörungen überstanden, und genau das sieht man. In der Altstadt stehen mehr als 1.500 Fachwerkhäuser. Am Markt das Rathaus, errichtet zwischen 1295 und 1326, dahinter der Huldigungssaal, der zwischen 1505 und 1520 als Ratssitzungssaal eingerichtet wurde. Die untere Schale des Marktbrunnens stammt wohl aus dem 12. Jahrhundert und gilt als der größte Bronzeguss der romanischen Zeit; obendrauf der Adler, allerdings als Kopie, das Original steht im Museum. Gegenüber, am Kaiserringhaus, öffnen sich viermal am Tag drei Türchen — um 9, 12, 15 und 18 Uhr —, und ein Figurenumlauf spielt zum Glockenspiel die Geschichte des Rammelsberger Bergbaus.
Ein paar Schritte weiter steht die Kaiserpfalz, und die wäre um ein Haar verschwunden. Heinrich II. ließ um 1005 einen ersten Bau errichten, Konrad II. baute in den 1030er Jahren aus, Heinrich III. holte 1048 den Baumeister Benno II. und vollendete die Anlage. Das Kaiserhaus ist 54 Meter lang, der Saal darüber misst 47 mal 15 Meter — der größte und zugleich besterhaltene Profanbau des 11. Jahrhunderts in Deutschland. Der Chronist Lampert von Hersfeld nannte Goslar den „berühmtesten Wohnsitz des Reiches". 1253 war Wilhelm von Holland als letzter deutscher König hier zu Gast.
Danach ging es bergab. Erst wurde ein Gerichtsgebäude daraus, ab Mitte des 16. Jahrhunderts lagerte Getreide in den Sälen, ab 1575 saßen in der Ulrichskapelle Gefangene, und ab 1722 brach man die Pfalz systematisch ab und verbaute die Steine anderswo. Was heute dasteht, ist Wiederaufbau: Baubeginn am 14. August 1868, fertig 1879, im Inneren die großformatigen Wandgemälde, die Hermann Wislicenus zwischen 1877 und 1890 ausführte. In der Unterkapelle steht ein Sarkophag mit dem Herzen Heinrichs III. — dort liegt es seit 1884.
Ein Haus am Markt fällt aus der Reihe: die Kaiserworth, 1494 als Gildehaus der Gewandschneider gebaut, mit sechs Arkaden zum Markt, acht hölzernen Kaiserfiguren, die seit 1684 belegt sind, und dem „Dukatenmännchen" unter den Steinfiguren. Ab 1831 war es Hotel und Gasthaus, Ende 2022 hat es zugemacht. Im Dezember 2024 hat es der Goslarer Unternehmer Hans-Joachim Tessner übernommen; seine Stiftung will sanieren und wieder öffnen.
Quedlinburg: 2.100 Fachwerkhäuser und ein Fenster, das lügt
Quedlinburg hat rund 2.100 Fachwerkhäuser aus acht Jahrhunderten — mehr als Goslar, und für keine andere Harzstadt ist eine so breite Zeitspanne belegt. Am 17. Dezember 1994 kam die Altstadt samt Königshof auf die Welterbeliste, passend zur Tausendjahrfeier des Markt-, Münz- und Zollrechts. Die Kernzone umfasst rund 84 Hektar.
Das Haus, für das die Fachleute anreisen, steht in der Wordgasse 3 und ist heute Fachwerkmuseum. Zweigeschossig, 48 Quadratmeter Grundfläche, und durch beide Geschosse laufen sechs Meter hohe Ständer am Stück — das ausgeprägteste Beispiel für Ständerbauweise in der Stadt; die Jahresringe der Balken datieren es auf 1346/47. Deutschlands ältestes Fachwerkhaus ist es trotzdem nicht — das steht in Esslingen am Neckar und ist rund achtzig Jahre älter.
Auf dem Stiftsberg steht die Stiftskirche St. Servatius, im Wesentlichen zwischen 1070 und 1129 gebaut und zu Pfingsten 1129 in Anwesenheit König Lothars III. geweiht. In der Krypta liegt Königin Mathilde, ihre Gebeine sind bis heute dort. Heinrich I. wurde ebenfalls in Quedlinburg bestattet, aber sein Grab ist leer; wo er geblieben ist, weiß niemand. Das hielt Heinrich Himmler nicht auf: In der Nacht zum 2. Juli 1937 ließ er Knochen, die sein Beauftragter gefunden hatte, mit großer Inszenierung in das leere Königsgrab legen. Dass es die Gebeine Heinrichs I. waren, ist nie belegt worden. Zum König erhoben wurde Heinrich übrigens nicht hier, sondern 919 in Fritzlar — auch wenn ein Fenster im Quedlinburger Rathaus etwas anderes nahelegt.
Der Domschatz umfasst 63 Stücke, darunter ein Elfenbeinkasten von etwa 870 und ein Krug, der ins 1. Jahrhundert datiert wird. 1945 nahm der US-Leutnant Joe Tom Meador zwölf ausgewählte Stücke mit und schickte sie per Feldpost nach Whitewright, Texas. Zehn davon kamen nach jahrelangen Gerichtsverfahren 1992 zurück, gegen eine Vergleichssumme von drei Millionen Dollar; am 19. September 1993 lagen sie wieder in der Stiftskirche.
Wernigerode: die bunte Stadt und das kleinste Haus

Den Beinamen „Die bunte Stadt am Harz" hat Hermann Löns aufgebracht, offizielles Stadtmotto ist er seit 1910. Das Rathaus ist ein spätgotischer Fachwerkbau mit zwei schlanken Erkern, die den Eingang flankieren, verschieferten Geschossen und turmartigen Spitzdächern; nach einem Stadtbrand wurde es zwischen 1539 und 1544 umgebaut und sieht seitdem so aus. Das Sehenswerte daran sitzt weit oben, an den Knaggen: im Erdgeschoss Heilige, unter dem Dach Spielleute, Narren, Trinker und Moriskentänzer mit der Maikönigin. Sogar die Balkenköpfe sind beschnitzt.
Wernigerode sammelt Sonderfälle. Das Kleinste Haus in der Kochstraße 43 wurde 1792 in eine 2,95 Meter breite Baulücke gesetzt: Türhöhe 1,70 Meter, oben ein Wohnraum von neun Quadratmetern mit knapp 1,90 Meter Raumhöhe. Bewohnt war es bis 1976, von Röhrenbohrern, Tuchmachern und Schuhmachern; zeitweise sollen elf Personen gleichzeitig darin gelebt haben. Das Schiefe Haus, eine ehemalige Teichmühle, hat sich über Jahrhunderte auf einer Seite abgesenkt, weil der Mühlgraben unterirdisch darunter durchläuft und das Fundament unterspült hat. Das Krummelsche Haus in der Breiten Straße 72 ist barock, von 1674, mit reich beschnitztem Holzgerüst; das Erdgeschoss bekam 1875 vom Holzbildhauer Gustav Kuntzsch fünf Vollplastiken dazu.
Über der Stadt sitzt das Schloss. Die Burg an dieser Stelle entstand zwischen 1110 und 1120, das heutige Gebäude ist ein Umbau von 1862 bis 1885 unter Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode: historistisch, vorwiegend neugotisch, rund 250 Räume, dazu Türme und Einzelbauten, die untereinander mit Treppen verbunden sind. Ein Schloss, das mehr nach Bauherrenfantasie aussieht als nach Burg — genau das war es auch. Museum ist es seit 1946, seit 1998 als erstes deutsches Zentrum für Kunst- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts; rund 50 eingerichtete Räume sind zu sehen.
Am 22. Februar 1944 warfen 19 B-17-Bomber ihre Last über der Stadt ab. Über 200 Menschen starben, zerstört wurde vor allem die Neustadt rund um die Johanniskirche.
Stolberg: kein einziges Verkehrszeichen

Stolberg liegt im Tal der Thyra und ist der Ort, der einem im Südharz am längsten im Kopf bleibt. Gegründet wurde er als Bergmannssiedlung — gefördert wurden Eisen, Kupfer, Silber, Zinn und Gold —, um 1210 taucht er erstmals im Zusammenhang mit dem Grafengeschlecht auf, vor 1300 bekam er Stadtrecht und war von Anfang an Residenz der Grafen zu Stolberg. Markenzeichen sind die Fachwerkhäuser im Renaissancestil.
Bekannt ist Stolberg aber durch einen Mann: Thomas Müntzer wurde hier geboren. Am 2. Mai 1525 drangen aufständische Bauern in die Stadt ein und zwangen Graf Botho zu Stolberg, ihre 24 Forderungen anzunehmen, die „Stolberger Artikel" — Müntzer selbst war nicht dabei, der stand zu der Zeit in Thüringen, führte am 15. Mai die Bauern bei Frankenhausen und wurde am 27. Mai in Mühlhausen enthauptet. Die Zugeständnisse nahm der Graf nach der Niederlage sofort wieder zurück. Vierhundertfünfzig Jahre später zahlte sich der berühmte Sohn für den Ort trotzdem aus: Müntzer passte ins Geschichtsbild der DDR, und Stolberg bekam aufwendige Sanierungen. Kurz nach der Wende sah der Ort so frisch hergerichtet aus, dass Besucher aus dem Westen sich fragten, ob sie überhaupt im Osten waren.
Zwei Kuriositäten fallen im Ort auf. Das Rathaus von 1454 hat kein Treppenhaus — in die oberen Stockwerke kommt man über eine außen liegende Treppe, über die es auch weiter zur Kirche geht. Und im Ortskern steht kein einziges Verkehrszeichen; nur an den Zugängen hängen Schilder für Tempo 30 und Parkverbot.
Durchlaufende Balken oder gestapelte Stockwerke

Man sieht einem Fachwerkhaus an, wann es gebaut wurde — an der Frage, ob die Balken durchlaufen. Beim älteren Ständerbau gehen die Wandständer in einem Stück von der Schwelle bis unters Dach. Das hält, begrenzt aber die Höhe und zwingt jedes Geschoss ins gleiche Raster: Die Ständer stehen oben, wo sie unten stehen, damit liegt die Fassade fest. Die Technik kam Mitte des 13. Jahrhunderts auf und blieb vielerorts bis ins 16. Jahrhundert in Gebrauch, im fränkischen Raum sogar bis ins 19. Beim jüngeren Stockwerkbau wird jedes Geschoss als eigenes Modul gezimmert und endet an einem Rähm. Das erlaubt höhere Häuser, spart lange Hölzer — und macht die auskragenden Obergeschosse möglich, die man mit „Fachwerkstadt" im Kopf hat.
Das niederdeutsche, also niedersächsische Fachwerk fällt durch reiche geschnitzte Schmuckformen auf, die im Süden Deutschlands seltener sind. Wernigerodes Stadtkern besteht zum großen Teil aus solchen Häusern. Das Rathaus ist niedersächsisch gebaut, hat aber Zierformen, die man sonst weiter südlich findet. Zum Formenschatz dieses Fachwerks gehören die Fächerrosette, die sich auf etwa 1535 bis 1560 datieren lässt, und das Strebenkreuz namens „Wilder Mann".
Eine geschleifte Burg und zwei Tore zum Harz

Über Bad Harzburg steht auf dem Großen Burgberg, 485 Meter hoch, der Rest der Harzburg. Heinrich IV. ließ sie zwischen 1065 und 1068 im Rahmen seines Burgenbauprogramms in Sachsen errichten, sie galt als uneinnehmbar und war zugleich repräsentativ: großer dreiräumiger Palas, Stiftskirche mit königlichen Reliquien. 1073 floh Heinrich mit den Reichsinsignien hier herauf — überliefert sind 60.000 Belagerer gegen 300 Mann Besatzung, was eine mittelalterliche Chronistenzahl ist und keine Statistik. Nach dem Frieden von Gerstungen am 2. Februar 1074 musste er der Schleifung seiner Burgen zustimmen, und im Frühjahr 1074 plünderten aufgebrachte Bauern der Umgebung die Harzburg und zerstörten sie vollständig. Geblieben sind Mauerreste, Graben und Brunnen. Der zweite Teil des Stadtnamens ist jünger: 1569 fand man unter Herzog Julius die erste Solequelle und erschloss sie für die Saline Juliushall; ab 1831 war der Ort als Kur- und Badeort bekannt, und als die Saline 1851 zumachte, entstand der eigentliche Badebetrieb. Am 11. Oktober 1931 schlossen sich hier DNVP, NSDAP und weitere rechtsgerichtete Kräfte auf einer Tagung zu einem Bündnis gegen die Weimarer Republik zusammen — die „Harzburger Front".
Oberhalb von Blankenburg liegt der Ziegenkopf mit Turm und Berggasthof. Die Auffahrt dorthin, vorbei an Rübeland, ist eine der Strecken, auf denen einem Einheimische begegnen, die jede Kurve mit Vornamen kennen.
Halberstadt nennt sich gern „Tor zum Harz" und ist damit nicht allein — Osterode am Ausgang des Sösetals beansprucht denselben Titel. Halberstadt hat als ehemaliger Bischofssitz eine rund 1.200-jährige Geschichte, den Dom St. Stephanus mit seinem Domschatz und die romanische Basilika Unser Lieben Frauen; die Straße der Romanik führt durch die Stadt. Nördlich davon liegt der Huy, ein kurzer, kurvenreicher Höhenzug im Laubwald, und darin die Huysburg.
Noch ein Stück weiter draußen, im Harzvorland bei Schöppenstedt, liegt Kneitlingen — dort soll um 1300 Till Eulenspiegel geboren sein, mittelalterlich „Dyl Ulenspiegel", gestorben um 1350 in Mölln. Ob es ihn gab, weiß niemand; Belege für die Person gibt es keine, Geschichten dafür umso mehr. Sein Leben soll mit einer dreifachen Taufe begonnen haben, und als Erwachsener nahm er jede Anweisung wörtlich und führte damit reihenweise Leute vor. Das Braunschweiger Land ist das Zentrum dieser Geschichten — im Harz selbst ist er ein Gast.
Das Loch im Gewölbe von Walkenried

Das Zisterzienserkloster Walkenried am Südrand des Harzes wurde 1127 gestiftet, 1129 zog der Gründungskonvent ein. Reich geworden sind die Mönche mit dem Bergbau. Ab 1144 legten sie Fischteiche an, 16 allein im Oberen Ried, insgesamt sind 55 Teichanlagen nachweisbar; für den Gipskarst des Südharzes sind 365 Teiche überliefert, sicher nachweisen lassen sich rund 50. 1525 schlugen aufständische Bauern ein Loch in das Gewölbe der Klosterkirche. Es wurde nie wieder abgedichtet. Die Klausur dagegen ist größtenteils erhalten und in sehr gutem Zustand; seit 2006 gibt es ein Zisterziensermuseum, seit 2010 gehört Walkenried zum UNESCO-Welterbe.
Drübeck, ein Ortsteil von Ilsenburg mit gut 1.500 Einwohnern, hat ein ehemaliges Benediktinerinnenkloster, das heute der evangelischen Kirche als Tagungshaus dient — mit Haus der Stille, Pastoralkolleg und Medienzentrum. Die Klostergärten gehören zum Landesprojekt „Gartenträume" und folgen einem Plan von 1737. Schloss Ballenstedt am Nordrand des Harzes ist eine barocke Dreiflügelanlage des frühen 18. Jahrhunderts, die man aus dem Vorland schon von weitem sieht; 1765 verlegten die Fürsten von Anhalt-Bernburg ihre Residenz dorthin. Ballenstedt liegt an der Straße der Romanik, die quer durch Sachsen-Anhalt läuft. Und Sangerhausen trägt einen Doppelnamen: Berg- und Rosenstadt. Der Bergbau steckt im denkmalgeschützten Stadtkern mit Kornmarkt, Renaissance-Rathaus und Patrizierhäusern, die Rosen im Europa-Rosarium — die größte Rosensammlung der Welt.
Die Bahn, die überall auftaucht

Wer im Harz unterwegs ist, kreuzt irgendwann die Gleise. Die Harzer Schmalspurbahnen betreiben 140,4 Kilometer in Meterspur, 1.000 Millimeter, mit 202 Bahnübergängen — das längste zusammenhängende Schmalspurnetz Deutschlands, sagt der Harzer Tourismusverband. Drei Strecken: die Harzquerbahn von Nordhausen Nord nach Wernigerode, gut 60 Kilometer, die Selketalbahn und die Brockenbahn. Das ganze Ensemble steht unter Denkmalschutz, betrieben wird es seit 1993 von der HSB, und mehr als eine Million Fahrgäste sitzen im Jahr in den Zügen.
Gebaut wurde in Etappen, und die Selketalbahn ist die älteste: Gernrode–Mägdesprung ging am 7. August 1887 in Betrieb, der Schlussabschnitt bis Hasselfelde am 29. April 1892. Harzquer- und Brockenbahn kamen zwischen 1897 und 1899 dazu. Der erste Brockenabschnitt ging am 20. Juni 1898 in Betrieb, am 4. Oktober 1898 stand die Strecke bis zum Gipfel. Sie ist 19 Kilometer lang, steigt bis 33 Promille an und darf mit 40 km/h befahren werden; der Bahnhof Brocken liegt auf 1.125 Metern und ist der höchste Bahnhof Deutschlands, den eine reine Adhäsionsbahn bedient — also einer ohne Zahnstange. Zwischen Schierke und Brocken war dreißig Jahre lang Schluss: Einen Tag nach dem Mauerbau, am 14. August 1961, endete dort der Personenverkehr, und erst am 15. September 1991 fuhren wieder zwei dampflokbespannte Züge hinauf.
Zwei Details für die, die genauer hinsehen. Im ganzen Netz gibt es genau einen Tunnel, den Thumkuhlenkopf-Tunnel bei der Harzquerbahn, 58 Meter lang. Und die historische Werkstatt im Bahnbetriebswerk Westerntor in Wernigerode stammt von 1926.