motorradharz.de
Start Bergbau

Harz

Bergbau im Harz

Welterbe, Gruben und Handwerk — was tausend Jahre Erz aus der Region gemacht haben.

Bergbau & Welterbe

Tausend Jahre Bergbau — und was davon heute noch dasteht

Vor der Kohle war der Oberharz eines der wichtigsten Bergbaureviere Europas. Silber, Blei, Kupfer und Zink kamen von hier. Auf einer Tagestour merkt man davon wenig, weil nichts mehr raucht und nichts mehr qualmt. Man merkt es an den Orten: Clausthal, Zellerfeld, Sankt Andreasberg, Altenau, Lautenthal, Wildemann und Grund stehen dort, wo Erz lag. Sieben Bergstädte, angelegt Mitte des 16. Jahrhunderts nach dem Vorbild des Erzgebirges, dazu rund 30 weitere Ortschaften im Harzinnern und am Rand, die vom Bergbau und vom Hüttenwesen lebten. Zwischen ihnen fährt man durch ein Revier, das über tausend Jahre gehalten hat und 1988 zu Ende ging.

Vorfrühling auf dem Weg zum Brocken: Bäume noch kahl, Schneereste auf den Kuppen, rote Schneestangen am Rand — …
Vorfrühling auf dem Weg zum Brocken: Bäume noch kahl, Schneereste auf den Kuppen, rote Schneestangen am Rand — der Harz fängt für die meisten in dieser Jahreszeit an.

Tausend Jahre auf einen Blick

Jede Jahreszahl hier steht so auch im Text und ist belegt.

968

Erste Nennung des Rammelsberges. Von hier an wird tausend Jahre ohne Unterbrechung Erz geholt.

Weite Spitzkehre im Wald, drei Motorräder stehen am Scheitel
Asphalt trocken, Bäume noch kahl. Der Harzer Kamm ist ab April verlässlich frei — vorher entscheidet der Restschnee.
1715

Der Oderteich entsteht — bis Ende des 19. Jahrhunderts die größte Talsperre Deutschlands.

1834

Im Oberharz wird das Drahtseil erfunden. Ohne das gäbe es keine Seilbahn und keinen Aufzug.

1961

Der Brocken wird Sperrgebiet. Der Gipfel liegt 28 Jahre hinter einer Mauer.

Steil gestellte Sandsteinbänke bei Weddersleben.
Steil gestellte Sandsteinbänke bei Weddersleben. Der Teufel hat sie in einer Nacht gemauert, sagt die eine Erklärung; die andere sagt, das weichere Gestein daneben ist abgetragen worden und das harte stehen geblieben.
1988

Am 30. Juni fährt am Rammelsberg die letzte Schicht aus. Die Lagerstätte ist erschöpft.

1989

Am 3. Dezember gehen 6.000 Menschen hinauf. Der Brocken ist wieder frei.

2010

Die Oberharzer Wasserwirtschaft wird Welterbe — 65 Teiche, 70 Kilometer Gräben.

Zwei Helme in der Hand, gegenüber die freie Brockenkuppe mit dem Sendemast.
Zwei Helme in der Hand, gegenüber die freie Brockenkuppe mit dem Sendemast. Von hier aus sortiert sich der Harz: links der bewaldete Westen, rechts wird es flacher.
2018

Der Borkenkäfer legt die Fichte um. 11.600 Hektar im Nationalpark stehen tot.

weiterschieben →

Der Rammelsberg: 27 Millionen Tonnen raus, dann gab die Lagerstätte nichts mehr her

Rammelsberg bei Goslar, die Tagesanlage am Hang. Untertage sind es 16 Sohlen — was man von hier sieht, ist der Deckel.
Rammelsberg bei Goslar, die Tagesanlage am Hang. Untertage sind es 16 Sohlen — was man von hier sieht, ist der Deckel.

Südlich von Goslar liegt der Rammelsberg, 635 Meter hoch, und in ihm steckte das größte zusammenhängende Vorkommen an Kupfer-, Blei- und Zinkerz weltweit. Am 30. Juni 1988 fuhr die letzte Schicht aus. Nicht wegen des Preises, nicht wegen der Politik — die Lagerstätte war erschöpft. Herausgeholt wurden über die gesamte Betriebszeit rund 27 Millionen Tonnen Erz: Gold, Silber, Blei, Kupfer, Zink. Die UNESCO führt den Rammelsberg als einziges Bergwerk der Welt, das über tausend Jahre ununterbrochen in Betrieb war.

Wann angefangen wurde, weiß niemand genau. Widukind von Corvey notiert für das Jahr 968, Otto der Große habe Silberadern eröffnet — „venas argenti aperuit" —, und ob er damit den Rammelsberg meinte, ist bis heute offen. Ein 2021 gefundenes Lederstück wurde per C14-Methode auf das 9. bis 10. Jahrhundert datiert, verhüttet wurde hier schon im 3. Jahrhundert nach Christus. In den Reiseführern steht trotzdem überall dieselbe runde Zahl: seit 968. Sicher ist dagegen, was der Berg ausgelöst hat — die Kaiserpfalz stand vorher in Werla und wurde nach Goslar verlegt, weil hier das Erz lag; bezahlt hat sie das Rammelsberger Silber.

Das Besucherbergwerk liegt am Südrand von Goslar, Bergtal 19. Untertage sind es konstant rund zwölf Grad, im August die zuverlässigste Abkühlung der Region. Der Maltermeisterturm über dem Gelände stammt von etwa 1500. Er ist die älteste erhaltene Tagesanlage des Rammelsberges und gilt als das älteste Tagesgebäude des deutschen Bergbaus — also als das älteste erhaltene über Tage stehende Bergwerksgebäude Deutschlands. Der Rathstiefste Stolln, der Entwässerungsstollen, wurde vor 1150 angelegt und 1271 erstmals schriftlich erwähnt; der Roeder-Stollen entstand 1797 bis 1805 unter Johann Christoph Röder, als der Betrieb modernisiert wurde. Nach der Stilllegung sollte alles abgerissen werden. Dass es steht, ist einer Bürgerinitiative zu verdanken.

Pfennige bis London und eine Kasse für die Witwen

Aus Goslarer Silber wurden Ende des 10. Jahrhunderts die Otto-Adelheid-Pfennige geprägt, mit dem Namen Ottos und dem der Kaiserin Adelheid. Das Metall reiste weiter, als man denkt: Archäologen weisen es in angelsächsischen Grabbeigaben nach, unter anderem an einem in London gefundenen Schwert.

Eine Urkunde vom 28. Dezember 1260 dokumentiert am Rammelsberg die erste Bergbruderschaft — eine Kasse für kranke Bergleute, für Witwen und Waisen. Die Knappschaft hat darauf 2010 ihr 750-jähriges Bestehen gefeiert und gilt als älteste Sozialversicherung der Welt. Angefangen hat sie hier.

Sieben Bergstädte — und eine Sprachinsel

Lautenthal, 1670 · 1891 · 2004 — drei Jahreszahlen an einem Mundloch. Den Titel Bergstadt trägt der Ort trotzdem erst seit 2013. Ein Schild am Ortseingang ist eben nicht dasselbe wie eine Urkunde.
Lautenthal, 1670 · 1891 · 2004 — drei Jahreszahlen an einem Mundloch. Den Titel Bergstadt trägt der Ort trotzdem erst seit 2013. Ein Schild am Ortseingang ist eben nicht dasselbe wie eine Urkunde.

Bergstadt war ein Rechtsstand, und verliehen wurde er, weil jemand etwas davon hatte. Ein Landesherr mit einer Lagerstätte und ohne Leute musste Bergleute anwerben und zahlte in Rechten: Steuererleichterung, Zoll- und Geleitfreiheit, Markt- und Braurecht, ein eigenes Berggericht mit eigenem Bergmeister. Die alte Definition sagt es trocken — „eine Stadt, welcher zum Besten des Bergbaues verschiedene Privilegien ertheilt worden sind".

Den Anfang machte Sankt Andreasberg: 1521 gaben die Grafen Heinrich und Ernst von Hohnstein dem Ort die Bergfreiheit, 1535 kamen die Stadtrechte dazu. Zellerfeld bekam 1529 Stadtrecht, im selben Jahr wurde Wildemann gegründet und fünf Jahre darauf Stadt. Clausthal und Altenau folgten 1554 mit der Bergfreiheit — Altenau wartete auf sein Stadtrecht dann bis zum 30. Oktober 1617 und durfte sich erst ab 1636 „freie Bergstadt" nennen. In hundert Jahren stand das ganze Revier.

Lautenthal ist der Sonderfall. Gegründet wurde der Ort 1538, als Herzog Heinrich der Jüngere von Braunschweig-Wolfenbüttel Bergleute aus dem Erzgebirge anwarb. Den Titel Bergstadt führt er trotzdem erst seit dem 27. August 2013 — fast fünfhundert Jahre später, und per Beschluss.

Die angeworbenen Bergleute kamen aus dem böhmischen und sächsischen Erzgebirge und aus dem Mansfelder Land, und sie brachten ihre Sprache mit. Deshalb spricht der Oberharz bis heute nicht ostfälisch wie das ganze Umland, sondern erzgebirgisch. Das ist keine Färbung, sondern eine eigene Sprache mitten im niederdeutschen Umland, in der Lautlehre seit Anfang des 17. Jahrhunderts kaum verändert. Zu hören ist sie in Altenau, Sankt Andreasberg, Clausthal-Zellerfeld, Lautenthal und Hahnenklee, im Alltag allerdings nur noch selten; ab und zu erscheint in der Goslarschen Zeitung ein Artikel in Mundart. Im Refrain eines Sankt Andreasberger Heimatlieds klingt das so: „Eb de Sunne scheint" — wenn die Sonne scheint.

Das Wasserregal: 500 Kilometer Gräben, damit die Wasserräder liefen

Ein Graben im Wald, mehr sieht man nicht. Davon gab es einmal 500 Kilometer, erhalten sind 310, in Betrieb 70 — das läuft, es ist kein Museum.
Ein Graben im Wald, mehr sieht man nicht. Davon gab es einmal 500 Kilometer, erhalten sind 310, in Betrieb 70 — das läuft, es ist kein Museum.

Der Harz hatte Erz, aber keine Kohle und keine Dampfmaschine. Was er hatte, war Regen. Also organisierten die Bergleute das Wasser, und zwar in einem Maßstab, den man beim Vorbeifahren komplett unterschätzt. Historisch gehörten zum Oberharzer Wasserregal rund 143 Stauteiche, 500 Kilometer Gräben und 30 Kilometer unterirdische Wasserläufe, dazu Wasserlösungsstollen von etwa 100 Kilometern Länge. Erhalten sind heute 107 Teiche, 310 Kilometer Gräben und 30 Kilometer Wasserläufe; in Betrieb halten die Harzwasserwerke davon 65 Teiche und 70 Kilometer Gräben. Das ist kein Museum. Das läuft.

Der Zweck war stur praktisch: Wasserräder antreiben. Kunsträder für die Pumpen, Kehrräder für die Förderung. Das Prinzip hieß „Wasser durch Wasser heben" — man holte Grubenwasser aus dem Berg, indem man Oberflächenwasser über Räder leitete. Vorher hatten das Wasserknechte mit Eimern gemacht.

Angelegt wurde das Ganze hauptsächlich zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert, die große Welle ab etwa 1520 auf Veranlassung Herzog Heinrichs des Jüngeren. Als Väter der Sache gelten die Zisterzienser von Walkenried: Sie hielten am Rammelsberg 25 Prozent der Grubenanteile und waren dort schon in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts mit Wasserwirtschaft befasst. Was heute im Gelände steht, ist trotzdem rund 300 Jahre jünger als die Mönche.

Sichtbar ist das Ganze rund um Clausthal-Zellerfeld, Hahnenklee, Sankt Andreasberg, Buntenbock, Wildemann, Lautenthal, Schulenberg, Altenau und Torfhaus, auf gut 200 Quadratkilometern. Die auffälligsten Bauwerke sind die Pfauenteiche direkt am Clausthaler Ortsrand, der Hirschler Teich und der Sperberhaier Damm, über den ein Graben ein ganzes Tal quert. Es gilt als das weltweit bedeutendste vorindustrielle Wasserwirtschaftssystem des Bergbaus. Seit dem 31. Juli 2010 gehört es zum UNESCO-Welterbe, zusammen mit dem Rammelsberg und der Altstadt von Goslar, die schon seit 1992 auf der Liste stehen.

Der Oderteich, und wie man jemandem das Wasser abgräbt

Zwischen 1715 und 1722 haben Sankt Andreasberger Bergleute den Damm aufgesetzt: Bruchstein mit einem Kern aus verdichtetem Granitgrus. Bis Ende des 19. Jahrhunderts war das die größte Talsperre Deutschlands.
Zwischen 1715 und 1722 haben Sankt Andreasberger Bergleute den Damm aufgesetzt: Bruchstein mit einem Kern aus verdichtetem Granitgrus. Bis Ende des 19. Jahrhunderts war das die größte Talsperre Deutschlands.

An der B 242 zwischen Sonnenberg und Torfhaus liegt der Oderteich. Gebaut haben ihn Sankt Andreasberger Bergleute zwischen 1715 und 1722, damit über den 7.250 Meter langen Rehberger Graben immer genug Aufschlagwasser an den Rädern des Silberreviers ankam. 1,7 Millionen Kubikmeter fasst er, genug für rund drei Monate Trockenheit. Der Damm ist Bruchstein-Zyklopenmauerwerk mit einem Kern aus verdichtetem Granitgrus. Bis Ende des 19. Jahrhunderts war er die größte Talsperre Deutschlands. Als älteste wird er oft geführt, und das stimmt nicht: Im Oberharz und im Erzgebirge gibt es ältere Stauteiche. Eine der ältesten ist er.

Dann kam Clausthal. Ab 1732 bauten die Clausthaler Bergleute den damals 25 Kilometer langen Dammgraben, um sich das Wasser aus dem Bruchberg- und Brockengebiet zu holen — und schnitten dabei Zuläufe des Oderteichs ab. Die Andreasberger zogen mit Hacken und Schaufeln los, um das wieder geradezubiegen. Bevor es richtig Ärger gab, schlichtete das Oberbergamt in Clausthal. Aus dieser Sache, erzählt man sich im Harz, stammt die Redensart „jemandem das Wasser abgraben". Das stimmt nicht. Die Wendung ist rund dreihundert Jahre älter als der Harzer Streit: Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm belegt „das wasser abgraben" schon in österreichischen Weistümern um 1430 — dort geht es darum, dass jemand einer Mühle das Wasser abgräbt. Daneben steht die militärische Verwendung, Belagerten Brunnen und Tränken abzugraben. Das Bild kommt also von Mühlbächen und Belagerungen, nicht aus dem Oberharz. Erzählenswert bleibt die Sache trotzdem — als Anekdote, die zufällig genau das vorführt, was die Redensart meint.

Das Wasser des Oderteichs arbeitet übrigens weiter. Es treibt Kraftwerke in Sankt Andreasberg, an der Grube Samson und im Sperrluttertal.

Grube Samson: die letzte Fahrkunst der Welt

Sankt Andreasberg, 1487 erstmals urkundlich als „sanct andrews berge" erwähnt. In gut vier Jahrhunderten wurden hier über 300 Gruben aufgefahren und 313 Tonnen Silber gefördert; 1535 arbeiteten rund 800 Bergleute in 116 Gruben. Übrig ist die Grube Samson: 42 Sohlen, rund 840 Meter Teufe, Betrieb von etwa 1521 bis zur letzten Schicht am 31. März 1910. Geschlossen wurde sie, weil das Silber nicht mehr reichte.

Was sie besonders macht, steht seit 1837 im Schacht: die Fahrkunst. Bis dahin kletterten die Bergleute über Leitern ein und aus — nach zehn Stunden Schicht noch zwei Stunden Kletterpartie, und Abstürze waren nicht selten. Die Fahrkunst ist ein Paar beweglicher Gestänge mit Trittbrettern: Beide gehen gegenläufig auf und ab, der Mann steigt im Wechsel von einem aufs andere und lässt sich so nach oben tragen. Angetrieben hat das ein Wasserrad von zwölf Metern Durchmesser, gespeist über den Rehberger Graben vom Oderteich, bis 1922 die Elektrifizierung kam. Es ist die weltweit letzte Fahrkunst, die an ihrem ursprünglichen Ort noch betrieben wird; bei Führungen fährt man bis 190 Meter Tiefe ein. 1987 hat die Ingenieursvereinigung ASME die Anlage als „international historic mechanical engineering landmark" anerkannt.

Der zweite Grund, warum man hier stehen bleibt: Aus der Grube kommt bis heute Strom. Zwei Kraftwerke im Schacht — „Grüner Hirsch" von 1922 in 130 Metern Teufe und „Sieberstollen" von 1912 in 190 Metern — liefern rund 95 Prozent des Stroms von Sankt Andreasberg. Ein Bergwerk, das seit 1910 kein Erz mehr fördert und trotzdem den Ort versorgt.

Museum ist die Samson seit 1950. Im Gaipel — so heißt im Harz das Betriebsgebäude über dem Schacht — sitzt seit 2001 das weltweit einzige Museum für den Harzer Roller, den Kanarienvogel. Unten war einer schon 1777, lange vor allen Besuchergruppen: Goethe, am 11. Dezember.

Clausthal-Zellerfeld: Oberbergamt, Holzkirche, Fördergerüst

1642 gebaut, mitten im Dreißigjährigen Krieg, aus Eichen- und Fichtenholz mit Bleidach. Europas größte Holzkirche ist sie nicht — die steht in Kerimäki in Finnland. Deutschlands größte schon.
1642 gebaut, mitten im Dreißigjährigen Krieg, aus Eichen- und Fichtenholz mit Bleidach. Europas größte Holzkirche ist sie nicht — die steht in Kerimäki in Finnland. Deutschlands größte schon.

Clausthal-Zellerfeld heißt offiziell „Berg- und Universitätsstadt" und liegt auf 560 Metern da, wo sich B 241 und B 242 kreuzen. Im Stadtgebiet wird seit 1930 kein Bergbau mehr betrieben. Nachweisbar ist er hier seit dem 3. bis 4. Jahrhundert nach Christus.

Die Marktkirche zum Heiligen Geist wurde 1642 gebaut, mitten im Dreißigjährigen Krieg, aus Eichen- und Fichtenholz, mit einem Bleidach obendrauf. Sie ist blau gestrichen und fällt beim Vorbeifahren sofort auf. In vielen Reiseführern steht, sie sei Europas größte Holzkirche. Das stimmt nicht: Deutschlands größte ist sie, in Europa die zweitgrößte — größer ist die Kirche von Kerimäki in Finnland.

Am Rücken zwischen Zellerfelder und Clausthaler Tal steht der Ottiliae-Schacht, gebaut 1868 bis 1874 als zentraler Erzförderschacht, 1900 bis 1905 modernisiert und auf 594 Meter geteuft. Sein stählernes Fördergerüst von 1876 gilt als das älteste erhaltene Fördergerüst Europas. Als Erzförderschacht war schon 1930 Schluss: Die Preußag legte die Clausthaler Bergwerke still, weil sie sich nicht mehr rechneten. 1940 wurde der Schacht zur Wasserkraftanlage umgebaut, deren Turbinen bis zum 31. März 1980 liefen. Hinkommen kann man mit einer Schmalspurbahn, die 1993 wieder aufgebaut wurde und vom historischen Bahnhof Clausthal-Zellerfeld hochfährt.

Das Oberharzer Bergwerksmuseum in Zellerfeld geht auf einen Aufruf des Bergbeamten Adolf Achenbach von 1884 zurück, historische Bergbaugeräte zu sammeln; gegründet wurde es 1892 als Museum des Landkreises Zellerfeld. Dort liegen die Lehrmodelle der Bergschule Clausthal aus dem 18. und 19. Jahrhundert, Grubenlampen, Mineralien — und ein Drahtseil, hier erfunden im Jahr 1834.

An der Ampel, wo die B 241 aus Lerbach auf die B 242 trifft, steht das Oberbergamt. Das war die Behörde, die den Wasserstreit von 1732 geschlichtet hat.

Wo der Bergbau hässlich wurde: das Innerstetal

Nicht alles am Bergbau ist Welterbe. Im Oberen Innerstetal stehen am Hang die Grundmauern der Clausthaler Bleihütte, stillgelegt erst am 24. Dezember 1967. Die Abgase der erzverarbeitenden Betriebe und das Blei im Boden hatten das Tal streckenweise in eine Fläche verwandelt, auf der nichts mehr wuchs außer Heidekraut. Mondlandschaft hieß das bei uns noch 2003. Inzwischen ist der Hang wieder zugewachsen; das Blei steckt trotzdem im Boden. Richtung Wildemann fällt links der Straße der Förderturm des Medingschachts auf, 517 Meter tief. Gefördert wurde im gesamten Westharz dasselbe: silberhaltiger Bleiglanz, Zinkblende, Kupfererze.

Die Gruben, in die man reinkommt

Lautenthals Glück, bis 1957 in Betrieb, heute die größte noch befahrbare Grube des Oberharzes. Rein geht es mit dem Grubenzug, raus zum Schluss im Kahn.
Lautenthals Glück, bis 1957 in Betrieb, heute die größte noch befahrbare Grube des Oberharzes. Rein geht es mit dem Grubenzug, raus zum Schluss im Kahn.

Lautenthals Glück war bis 1957 in Betrieb und ist heute die größte noch zugängliche Grube des Oberharzes. Man fährt mit dem Grubenzug rein, wird von Bergleuten durchgeführt und lässt sich zum Schluss in einem Kahn durch einen Stollen ziehen — Oberharzer Erzschifffahrt, unter Tage. In Wildemann liegt der 19-Lachter-Stollen, 8.800 Meter lang, aus dem 16. Jahrhundert, eine der ältesten begehbaren Anlagen des Oberharzer Bergbaus. Beide sind kleiner und ruhiger als der Rammelsberg.

In Bad Grund schloss 1992 das Erzbergwerk Grund — das letzte buntmetallfördernde Erzbergwerk der Bundesrepublik. Sechs Millionen Tonnen Erz und 2.500 Tonnen Silber sind dort insgesamt rausgekommen. Am Ortsrand rollt man über die Schlesierstraße durch die ehemalige Bergmannssiedlung Taubenborn, rechts taucht der Förderturm der früheren Grube Hilfe Gottes auf.

Im Ostharz zeigen zwei Bergwerke den DDR-Bergbau, wie er war: Büchenberg bei Elbingerode die Eisenerzförderung und die Arbeit unter Tage, Drei Kronen & Ehrt die Maschinen aus DDR-Zeiten im Betrieb.

Am Südostrand, bei Wettelrode, steht der Röhrigschacht. Sein Fördergerüst von 1888 gehört zu den ältesten stählernen Schachtfördergerüsten Europas. Hier ging es nicht um Silber, sondern um Kupferschiefer — die Mansfelder Bergbaugeschichte reicht ins 12. Jahrhundert zurück. Der Nachbarschacht erzählt das 20. Jahrhundert in vier Daten: Abteufbeginn im Mai 1944, zwei Jahre Kriegsunterbrechung, am 3. September 1950 die Namensverleihung „Thomas Münzer" durch die SED-Landesleitung Sachsen-Anhalt zur 750-Jahrfeier des Mansfelder Kupferschieferbergbaus, am 9. September 1951 der erste Förderwagen ans Tageslicht. 1992 war Schluss.

400 Gramm Gold und 116 Dukaten

Gold kam im Harz meist als Beigabe im Erz vor, in kleinen Mengen. Einmal aber reichte es für eine eigene Münze. Im Eisenbergbaugebiet von Tilkerode wurden 1825 rund 400 Gramm staubfeines Gold gefunden und zu 116 Golddukaten verprägt. Die Aufschrift machte sie berühmt: „Ex Auro Anhaltino" — aus anhaltischem Gold. Tilkerode liegt an der Strecke von Pansfelde zur Harzhochstraße, kurz vor den Kurven hinunter nach Wippra.

Schlägel und Eisen, und was die Leute sich zurufen

Ein Hunt, stehengeblieben im Wald. Teufe, abteufen, Pinge, Gaipel — die Bergmannssprache hält sich im Harz zäher als die Mundart.
Ein Hunt, stehengeblieben im Wald. Teufe, abteufen, Pinge, Gaipel — die Bergmannssprache hält sich im Harz zäher als die Mundart.

Das Zeichen, das man auf den Wappen und Ortsschildern wiederfindet, hat eine banale Herkunft. Der Schlägel ist der Schlaghammer, geführt mit der rechten Hand; das Bergeisen ist ein rund 15 Zentimeter langer Meißel, gehalten mit der linken. Die Spitze heißt Örtchen, die Schlagfläche Bahn. Gekreuzt sehen die beiden aus, weil der Bergmann sie nach der Schicht so ablegte, dass sie am nächsten Tag griffbereit lagen. Daraus wurde ein Wappen — belegt seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, heute so genau festgelegt, dass es dafür eine DIN gibt (21800).

Im Harz steckt es in den Wappen: Clausthal-Zellerfeld führt Schlägel und Eisen, Sankt Andreasberg im Feld unten rechts, Altenau zusammen mit drei Bärentatzen. Lautenthal hat es schon 1603 bekommen — dort hält es ein roter Löwe. Auf der Bergmannstracht ist es ein Berufsabzeichen: Schlägel und Eisen für die Bergleute, Tiegelzange und Abschlackeisen für die Hüttenleute.

„Glück auf" wünscht zwei Dinge gleichzeitig, und das zweite vergisst man leicht. Es kommt aus der langen Formel „Ich wünsche Dir Glück, tu einen neuen Gang auf" — dass sich also ein Erzgang öffnet. Es meint aber genauso, dass der Mann heil wieder hochkommt. Kollegen, die man beim Ausfahren noch gegrüßt hatte, blieben oft „im Berg"; die Leitern in der Samson waren nur der augenfälligste Grund für den zweiten Wunsch. Entstanden ist der Gruß im sächsischen Erzgebirge, irgendwann zwischen dem späten 16. und dem 17. Jahrhundert. Im Oberharz sagt man ihn heute noch.

Das Steigerlied stammt ebenfalls aus dem Erzgebirge. Teile davon stehen schon in einem 1531 in Zwickau gedruckten Liederbuch, als eigenes Lied belegt ist es 1678 in Schneeberg, gedruckt um 1700 im Freiberger „Bergliederbüchlein". Die ursprüngliche Anfangszeile lautete „Wache auff, der Steyer kömmt" — daraus wurde „Glück auf, der Steiger kommt". Gesungen wird es heute in nahezu allen deutschen Bergbaurevieren, den Harz ausdrücklich eingeschlossen; 2020 und 2023 wurde es als immaterielles Kulturerbe anerkannt.

Zur Tracht gehört mehr als der schwarze Kittel. Das Arschleder — auch Bergleder oder Fahrleder — war ein halbrundes Stück geschwärztes Kalb- oder Rindsleder am Gürtel, gegen durchgewetzte Hosenböden, gegen Nässe und Kälte beim Sitzen, und man rutschte beim Einfahren darauf abwärts. Es war zugleich Standeszeichen: Wurde einer aus dem Bergmannsstand ausgestoßen, band man ihm das Arschleder ab. Der Schachthut war grün, und zwar nicht aus Symbolik — die frühen Exemplare waren aus geflochtenen Weiden- oder Buchenzweigen, die Farbe blieb, als man auf gewalkten Filz umstellte. Er hielt den Kopf warm und trocken und schützte vor dem Anstoßen an Felsecken; gegen Steinfall half er nichts. Der Steiger trug den Steigerhäckel, der Häuer die Bergbarte. Bis 1969 war der Bergkittel Schuluniform an den Bergschulen.

Bergparaden kommen aus dem Erzgebirge und finden dort bis heute in großem Stil statt; die größte ist die in Annaberg-Buchholz. Im Harz gibt es sie nur in Goslar, und dort selten.

Was der Bergbau der Sprache sonst noch hinterlassen hat, hört man im Harz an einzelnen Wörtern. Teufe ist die Tiefe eines Schachts, abteufen heißt einen Schacht von oben nach unten herstellen, ein Hunt ist ein offener Förderwagen, eine Pinge eine Vertiefung, wo früher abgebaut wurde. Der Gaipel war im Harz die übliche Bezeichnung fürs Betriebsgebäude, und gemessen wurde in Lachtern: 1 Maaß entsprach im Oberharz 28 Lachtern oder 53,8 Metern. Die frühe Eisenbahnschiene soll hier wegen ihrer Form Hammelpfote geheißen haben.

Ein Halbbitter für ein Revier, das zumachte

Ein Bergmann sorgte sich in den 1930ern, der Harzer Bergbau könne zum Erliegen kommen. August Picht machte daraus einen Halbbitter. Touristen kennen den Schierker Feuerstein, Einheimische bestellen das hier.
Ein Bergmann sorgte sich in den 1930ern, der Harzer Bergbau könne zum Erliegen kommen. August Picht machte daraus einen Halbbitter. Touristen kennen den Schierker Feuerstein, Einheimische bestellen das hier.

Zum Schluss die kleinste Geschichte. In den 1930er Jahren schilderte ein Bergmann dem Nordhäuser Firmengründer August Picht seine Sorge, der Harzer Bergbau könne zum Erliegen kommen. Picht machte daraus einen Halbbitter und nannte ihn Harzer Grubenlicht — gedacht als Denkmal für das, was die Erzförderung hier über mehr als tausend Jahre bedeutet hat. „Das ganze Geheimnis ist die Zusammensetzung der Kräuter", sagte uns Manfred Picht beim Besuch im Betrieb, und dabei blieb es. Touristen kennen Harzer Roller und Schierker Feuerstein. Einheimische bestellen das Grubenlicht.

Der Bergmann hatte recht. 1924 fuhr in Wildemann die letzte Schicht der Grube Ernst-August aus, 1930 endete der Bergbau im Clausthaler Stadtgebiet, 1957 lief Lautenthals Glück aus und 1959 der Bergbau in Lautenthal überhaupt, 1967 machte die Bleihütte dicht, 1980 liefen die Turbinen im Ottiliae-Schacht aus, 1988 schloss der Rammelsberg, 1992 Bad Grund und Wettelrode. Was blieb, sind Teiche, die noch Wasser führen, ein Schacht, der noch Strom macht, und ein Gebirge voller Löcher, in die man reinfahren kann.

Passt auch dazu

Sehenswürdigkeiten

Sehenswürdigkeiten, Sagen & Kultur der Region

Ansehen

Natur

Wald, Wasser & Tierwelt – was sich verändert

Ansehen

Motorradtouren

Strecken-Achsen, Bikertreffs & Tankstellen

Ansehen

In der Nähe

Benachbarte Motorradregionen – weitere Strecken-Guides aus dem Netzwerk:

Motorrad Ostharz über die B242 (Harzhochstraße) Motorrad Weserbergland durchs Leinebergland über Bad Gandersheim nach Seesen Motorrad Lüneburger Heide über den Elm auf kleinen Landstraßen Motorrad Thüringen über Stolberg und Kelbra zum Kyffhäuser